domingo, 18 de junio de 2017
Obispo
Hier stehe ich vor der Eisenwarenhandlung Obispo (auf deutsch: Bischof) in meiner bisherigen Pfarrei in San Antonio de El Estrecho.
Wer ist der neue Bischof von Caraveli? Wer ist Reinaldo Nann?
Ich bin ein Suender. Einer der sich von Gott geliebt weiss.
Das gibt mir die Kraft, taeglich an mir zu arbeiten.
Ich bin ein Wahl-Peruaner mit deutschem
Migrationshintergrund. Seit mehr als 20 Jahren in Armenviertel in Perú, am
Stadtrand von Grossstadten an der Kueste, in den Anden, im Urwald. Ich spuere
eine Chemie mit den einfachen und auch einigen nicht ganz einfachen Leuten in
Peru. Ich bin gerne hier, vermisse dennoch staendig die deutsche Puenktlichkeit
und Ordnung, aber manchmal gehts auch ganz gut ohne. Manchmal geht mein
Charakter mit mir durch (“jetzt hat er wieder den Deutschen rausgelassen”). Mit
meinem Hang zum Perfektionismus stehe ich mir oft selbst im Weg. Ich bin fuer
das Einfache und das Praktische im Leben.
Ich bin Pilger und gehe gerne zu Fuss. Mit eleganter
Kleidung und Ausruestung kann ich wenig anfangen, sie muss funktional sein. In
meinem Denken und Handeln bin ich praktisch, aber ich bin auch Intellektueller,
ich lese viel und gerne, will den Hintergrund und den Ursprung dessen, was ich
hier erlebe verstehen. Ich hasse Schlangestehen. Das stresst mich ungemein.
Mein einziges Gegengift ist ein gutes Buch oder Rosenkranzbeten.
Ich bin Kaiserstuehler. Ich ka noch alemannisch schwaetze.
Ich mag das Landleben und die Natur. Ich habe als Kind und Jugendlicher auch in
den Reben mitgearbeitet, in der Werkstatt von meinem Vater, aber meine grosse
Liebe in dieser Zeit wurden die Buecher.
Ich bin ein Mann Gottes und ein Kind Mariens. Ich bete und
meditiere gerne. Maria ist eine Mutter fuer mich, vor der ich mich auch mal
ausheulen kann. Ich will mich von Gott fuehren lassen, indem ich auf seine
Zeichen und Spuren in meinem Leben achte.
Ich bin ein Missionar, kein Kirchenfunktionaer. In jedem
Menschen und in jeder Kultur und Religion entdecke ich zuerst das Positive,
entdecke ich Gott bereits gegenwaertig und freue mich darueber. Erst dann gebe
ich Zeugnis von meinen Erfahrungen mit Gott. Im Dialog, ganz ohne Druck und Rechthaberei,
nicht wie so manche frueheren Missionare. Erst geht es um den Menschen, dann um Gott.
Das geht nur gemeinsam, dann kommt Kirche ins Spiel.
Ich liebe die Kirche. Sie ist eine Mutter fuer mich. Etwas
in die Jahre gekommen, mit Runzeln und so. Auf meine Mutter lasse ich nichts
kommen, aber natuerlich darf ich als Sohn auch Klartext reden. Ich halte viel
auf Familientradition, aber ohne staendige Erneuerung geht die Familie
zugrunde. Die Figur des Jesus von Nazareth und von Papst Franziskus faszinieren
mich, ebenso Taizé und die Befreiungstheologie (allerdings ohne sozialistischen
Hintergrund). In der Schoenstattbewegung habe ich schon frueh meine geistliche
Heimat und tragende Gemeinschaft gefunden. Dort habe ich gelernt, im Buendnis
zu leben und zu arbeiten: mit Gott, mit allen lebendigen Kraeften und
Stroemungen der Kirche, vor allem mit dem einfachen Volk.
Ich versuche in der Kirche nicht zu polarisieren. Ich kann
in Progressiven und Konservativen etwas Gutes finden und mit Ihnen
zusammenarbeiten. Ich werde vor allem mit den Armen eine Kirche der Armen bauen
(meine Praelatur ist eine der aermsten Perus), die Reichen duerfen gerne dabei
mithelfen. Ich kaempfe nicht um Programme oder Ideen, sondern fuer die kleinen
Leute. Ich suche den Feind nicht in Personen und Gruppen, sondern im
Materialismus und Konsumismus, die sich in den Haltungen von uns Menschen
ausdruecken, auch bei mir. Ich will ungefaehr das Gegenteil von einem
Protz-Bischof sein. Ich weiss, dass ich damit einige provozieren werde, aber es
geht mir nicht um die Personen sondern um eine konsequente Haltung.
Ich gebe nicht viel auf Titel. Mir gefiel die Anrede “Vater”
oder “Vaeterchen”(padrecito), die die Leute in Peru dem Priester geben. Ich
fuehle mich nicht wohl mit der Anrede “Monsignore” oder “Exzellenz”. Es waere
toll, wenn alle die mich als “Reinhold” kennen, mich auch weiterhin so anreden
wuerden. Und die anderen vielleicht “Bruder Bischof”. Vielleicht faellt auch
einem noch was besseres ein…
Ich bin ein Don Quijote, der unentwegt, einsam und voellig
aussichtslos gegen den Wind des Geld-Goetzen kaempft. Er ist maechtig und wird
angebetet von Reichen und Armen, auch innerhalb der Kirchen. Aber mit Gott ist
nichts unmoeglich. Kaempfst Du mit?
lunes, 12 de junio de 2017
Langsam wirds mir klar
Am 27. Mai 12Uhr veroeffentlichte es der Vatikan auf seiner
Homepage: Reinhold Nann ist Bischof der Praelatur von Caraveli (Perú). Damit
war es oeffentlich. Eine Stunde spaeter ging es los: Anrufe, mails, Facebook,
whatsapp und Interviewwuensche: Radio Vatikan, Schoenstatt Sao Paulo, Badische
Zeitung…Und ploetzlich bin ich in Wikipedia… Nach drei Tagen ging der erste
Sturm vorueber.
Ich wollte nie Bischof werden. Ich wollte Karriere nach
unten machen. Wie Jesus eben. “Obwohl er von da oben war, hat er sich selbst
klein gemacht und wurde in allem dem einfachen Volk gleich” (Phil 2). Und dann
wurde Franziskus Papst. Und machte es genauso. Er will keine Bischoefe mit
“Prinzengehabe” sondern “Hirten mit Stallgeruch”. Das ist meins. Ich bin ein
Allrad-Missionar mit Schlamm an den Schuhen. Jetzt wird es mir immer klarer:
Genau den will Franziskus als Bischof haben. In einer Kirche, die eher einem
Feldlazarett gleicht. Nicht ich muss mich veraendern, das Bischofsamt ist sich
am aendern. Da bin ich dabei. Jetzt kann ich mit Freude dazu ja sagen.
Wahrscheinlich wird das einige von der alten “Prinzengarde”
beunruhigen. Gut so. Ich habe nicht vor, mich mit ihnen anzulegen. Ich werde
einfach meinen Job machen und nach vorne schauen im abgelegenen Caraveli.
Ich fuehle mich noch etwas benommen, so wie Franziskus bei
seiner Antrittsrede auf dem Balkon des Petersdoms. Fast vom Ende der Welt haben
sie mich geholt. Ein “Gringo” aus dem Putumayo wird Bischof in Peru. Ich spuere
dass ich das Gebet und die Unterstuetzung der Leute brauche. Darum sage ich
euch immer wieder: Betet fuer mich. Ich brauche es. Danke.
Nach der Verabschiedung am 11. Juni, verlasse ich den
Putumayo mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Jugendliche haben
mir ein paar ganz schlichte und
herzliche Abschiedsbriefe uebergeben. Nach der Messe der obligatorische abrazo
(Umarmung).
Meine Bischofsweihe wird am 15. August in Trujillo sein.
Meine Amtseinfuehrung in Caraveli ist am 22. August.
Caraveli ist eine Art Weindorf mit nur 1000 Einwohnern (also
fast wie Achkarren), mit tagsueber
warmen und nachts angenehm frischen Temperaturen. Die Situation der Seelsorge
in Caraveli ist nicht einfach, doch davon hoert ihr ein andermal . Von Lima aus
sind es 10h Busfahrt , von Arequipa aus sind es auch noch 5-6 Std.
Ich werde bis zur Weihe ueberwiegend in der deutschen
Gemeinde von Lima sein: Parroquia Alemana, Dos de Mayo 259, Miraflores (Lima).
Tel. 0051-1-4471881
Mit allen mit denen ich vorher per Du war, wuerde ich das
auch gerne bleiben. Freundschaft hoert fuer mich mit der Weihe nicht auf! Ihr
koennt mich Bruder Bischof oder auch schlicht mit dem Namen nennen, ich lege
keinen Wert auf Titel.
Herzlichen Dank fuer alle Glueckwuensche und Gebete. Ihr/Euer Reinhold
Nann
martes, 30 de mayo de 2017
Ein Anruf der alles veraendert
Am 22 Mai, kurz nach meiner Rueckkehr von meiner ersten
vierwoechigen Missionsreise am Putumayo erreichte miche in Anruf von der
Nuntiatur in Lima: “Papst Franziskus hat Sie zum Bischof der Praelatur Caravelí
ernannt. Sind Sie einverstanden?” Ich erbat mir Bedenkzeit und bekam 24 Stunden
– unter paepstlicher Schweigepflicht, mit niemandem darueber zu reden bis zur
offiziellen Veroeffentlichung der Ernennung”.
Ich wollte nie Karriere nach oben machen in der Kirche, eher
nach unten, hin zu den einfachen Leuten, den aermsten. Nach einer kurzen Zeit
als Generalvikar in Trujillo vor mehr als 10 jahren, war ich gottfroh, das
wieder losgeworden zu sein. Ich habe mich nie bemueht, stromlinienfoermig zu
sein, um denen da oben zu gefallen oder mindestens nicht zu missfallen. Ich bin
meinen Weg gegangen, durchaus in Liebe zur Kirche, aber ich habe nicht
gebuckelt. Ich denke dass es in Peru eigentlich genuegend einheimische Priester
geben wuerde, die sehr gerne Bischof werden wuerden. Vielleicht bin ich erst
jetzt in der Aera Franziskus ein geeigneter Kandidat geworden.
Wie gesagt ich hatte keine Lust. Und ausserdem brauchen mich
die Leute hier am Putumayo, es hat mir den Magen umgedeht, sie verlassen zu
muessen. Dann habe ich mich gefragt, gut, das ist mein Wille. Und was will Gott
von mir? Ganz offensichtlich kam dieser Anruf aus heiterem Himmel, also von
oben her. Ich habe gebetet und nachgedacht, was will mir Gott mit diesem Anruf
sagen? Und langsam kam eine grosse Ruhe in mich, ein untruegliches Zeichen fuer
das Wirken des Heiligen Geistes. Ja Gott und der Papst moechten, dass Du dort
in Caraveli Bischof wirst, nach der Art von Papst Franziskus: demuetig, bei den
einfachen Leuten, sein, der Traum von einer Kirche der Armen fuer die Armen. Am
Tag darauf war ich ueberrascht, wie leicht mir das “ja” von den Lippen kam.
Caraveli ist eine Praelatur mit 22 Pfarreien in einer
schwierigen Geografie. Fast alle liegen hoch in den Anden, ausser der
Kleinstadt Caravelí, die in einem sehr warmen Tal liegt. Viele Pfarreien haben
keinen Pfarrer. Der Grossteil der Menschen spricht Quetschua, das werde ich
wohl noch lernen muessen. Die Zone liegt bei Arequipa, Richtung Ayacucho und
umfasst 29.000 Quadratkilometer! Ich war noch nie dort. Mehrere Orte sind mir
durch den peruanischen indigenistischen Autor José María Arguedas bekannt, von
dem ich einiges (z.B. Yawar Fiesta) gelesen habe. Die ersten beiden Bischoefe
in Caraveli waren deutsche Herz-Jesu-Priester. Der jetzige ist auch Herz-Jesu,
aber aus Perú. Er wurde vor 4 Jahren gleichzeitig auch Militaerbischof und
beide Aemter wurden ihm einfach zu viel.
Meine Bischofsweihe wird am 15.8. in Trujillo sein, die Amtseinfuehrung am 22.8. in Caraveli. Ich lade alle meine Freunde vor allem zur Weihe in Trujillo ein, das 1000 Einwohner zaehlende Caraveli hat leider keine Infrastruktur um viele Gaeste aufzunehmen. Bis dahin bitte ich Euch vor allem um Euer Gebet. Ich
moechte nicht, dass das Amt mich stolz macht und von den Leuten entfernt,
sondern moechte vor allem ein Hirte sein, der nahe bei den Armen ist.
Euer Reinhold Nann
Abenteuer Putumayo Rundbrief 28 Mai 2017
Abenteuer Putumayo: 4
Wochen im Boot, 1200km, 22 Doerfer
Vom 20.4. bis 19.5. war
ich unterwegs auf dem Fluss Putumayo, dem Grenzfluss zwischen Peru und
Kolumbien . 2/3 des 1300km langen peruanischen Teils gehoeren zu meiner
Pfarrei, alle 39 Doerfer liegen an diesem Fluss. Er ist hier ungefahr so breit
wie der Rhein bei Breisach, weniger tief aber mit sehr vielen Seitenarmen und
Inseln schlaengelt er sich mit unzaehligen Windungen durch den Urwald. In der ersten
Jahreshaelfte steigt er um einige Meter an und ueberschwemmt mit seinen
schlammhaltigen Wassern den sonst recht sandigen und wenig fruchtbaren Boden.
So sind diese Ueberschwemmungen ein Segen und ein Fluch zugleich, wenn sie zu
frueh kommen, vernichten sie die Ernte, machen das Leben im Dorf kompliziert
(die Hauser stehen ja auf Pfaehlen aber von einem Haus zum anderen gehts dann
nur im Kanu) und vor allem verbreiten sich diese fuerchterlichen Stechmuecken
ungehindert, das heisst Durchfall, Malaria, Dengue-Fieber.
Mit im Boot waren 4 Personen: Bea, eine polnische
Laienmissionarin, die zum dritten Mal diese Tour organisiert, Saul ein junger
Mann aus der Pfarrei, Raul der Steuermann und Gisella, die Koechin. Die Tour
ist nicht billig, der Motor gehoert der Pfarrei, das Boot ist geliehen und der
Sprit (5 Faesser) kostet etwas mehr als 1000 Euro, ungefaehr 6 Monate
Mindestlohn in Peru. Das 19m lange Holzboot hatte 5 Schlafpritschen mit
Schaumstoffmatratze und Moskitonetz, der einzig sichere Ort vor den verfluchten
Plagegeistern. Das Mueckenschutzspray oder Oel half zwar ganz gut gegen die
Schnaken, aber die wesentlich kleineren Mosquitos die einem lautlos in die Haut
beissen, haben sich darán nicht im geringsten gestoert. Die Schlafstelle war
ueberdacht und mit Plastik verstaerkt, was wunderbar gegen die ploetzlichen und
starken Regenfaelle war, aber tagsueber bei Sonne einfach zu viel Hitze
erzeugte. Lange Aermel sind ein Schutz aber nach einer Stunde war das Hemd
verschwitzt. Mit einem Faecher Wind zu machen war das einzige was half. Die
Einheimischen waren auch ueberall mit Stichpumkten uebersaet, da half nur eines:
Zaehne zusammenbeissen. Das Klo im Boot war nur 1,5m hoch und duschen musste
man sich mit einem Eimer zwischen den Benzinfaessern, das war ein Fressen fuer
die Muecken. Ich war nach wenigen Tagen voellig genervt, vor allem als auch
noch mehrmals der Motor ausfiel. Ich war drauf und dran alles hinzuschmeissen,
Was mir geholfen hat waren die langen Stunden des Ausruhens in der Nacht. Da es
auf den meisten Doerfern keinen Strom gab, ging man um 8 ins Bett bis am
naechsten Morgen um 6.
In den 39 Doerfern gibt
es 8 Ethnien (Huitotos, Orejones, Maijuna, Bora, Yaguas, Ticuna, Quichua und
Ocaina. Allerdings haben sich seit dem Voelkermord in der Kautschukzeit (um
1900) die Etnien vermischt und die Sprachen und Traditionen sind am Aussterben.
Nur in einem Dorf wird noch wirklich untereinander Tikuna gesprochen, in den
restlichen gibt es noch ein zwei Alte, die oft auch noch unterschiedliche
Sprachen sprechen. Es wird keine traditionelle Kleidung mehr getragen, aber in
der Vorstellung was Gott ist, die Sehle und die Heilung von Krankheiten, da
haben sich noch viele alte Werte erhalten, die wir als Kirche nicht ablehnen.
Ja so hat Gott frueher zu den Alten im Urwald gesprochen, das ist so etwas wie
das Alte Testament, auf dem der Glaube an Jesus Christus dann aufbaut.
Interessant am Leben am
Fluss ist: Jedes Kind ab 3 Jahren kann schwimmen. Ab 5 Jahren koennen sie schon
Kanu fahren und fischen und wenn sie ihr erstes Wildschwein geschossen haben,
koennen sie auch eine Familie ernaehren und gruenden.
Die kleineren Doerfer haben 5-10 Familien und ca 50
Einwohner. Die meisten sind verwandt. Der Haeuptling (cacique) wird gewaehlt.
Es ist eine Subsistenzwirtschaft. Man produziert um zu leben, es gibt kaum
Verkauf oder Einkauf von Waren. Es gibt auch kaum eine Moeglichkeit etwas zu
verkaufen, Fisch kann nicht 14 Tage lang transportiert werden bis in den Rest
von Peru. Holz wird an der Grenze scharf ueberwacht, im Augenblick gibt es nur
eine legale Moeglichkeit gut zu verdienen: Der Arahuana-fisch (ich vermute dass
es sich um den Drachenfisch handelt, laicht im Maerz bis Abril. Dem Mutterfisch
werden seine Laiche aus dem Mund gezogen und dafuer bekommt der Fischer von
einem Aufkauefer ca. 50 Euro. Man sagt, dieser Fisch sei bei den Chinesen sehr
beliebt. Seit 10 Jahren waehrt der Boom, wie lange noch? Sonst gibt es
natuerlich noch die illegalen Geschaefte: Edelhoelzer, deren letzte Exemplare
man immer tiefer im Urwald suchen muss. Kolumbianische Haendler zahlen gut.
Coca natuerlich, frueher war hiera uf beiden Seiten des Flusses ein wahres
Drogenanbaumekka, aber das hat sich in den letzten Jahren doch sehr geaendert.
Die Praesenz und Zusammenarbeit von Militaerpatrullen beider Laender hat das
Geschaeft schwieriger gemacht. Das gleiche gilt fuer die illegalen
Goldwaescher. Auf grossen Floessen wird der Sand am Ufer abgepumpt, mit
Quecksilber versetzt und nachher wird von Hand das Quecksilber und das Gold
getrennt. Auch da haben beide Staaten diesen Umweltverschmutzern und
Sich-selbst-vergiftern den Krieg erklaert. Ca 6 diesser Floesse sind bereits
vernichtet worden. Das Problem ist. Die einzigen groesseren Doerfer, die
wachsen, weil es dort Arbeit gibt, leben von diesen illegalen Aktivitaeten, ich
schaetze es duerften ca 50 Familien sein.
Wenn wir in ein Dorf
kommen, wird zu erstmal der Kazike besucht. Mit ihm machen wir aus, wann die
Dorfversammlung sein kann, ob am gleichen Abend (geht meistens nicht, weil es
keinen Strom gibt) oder am naechsten Morgen. Wenn das Dorf mehrheitlich katholisch ist, gibt es
dann noch eine Feier, manchmal eine Messe. Insgesamt habe ich auf dieser Fahrt
42 Kinder und 6 Erwachsene getauft, nur dreimal Eucharistie gefeiert, weil
niemand ausser dem Misssionsteam zur Kommunion gegangen ist, da waren
Wortgottesdienste dann einfach die bessere Loesung.
Ca 1/3 der Doerfer sind jetzt mehrheitlich evangelikal. Bis
in die 80er Jahre, als die Pfarrei mehr praesent war, waren noch alle
katholisch und es gab Gemeindeleiter in allen Doerfern, die meisten feierten
Wortgottesdienste am Sonntag. Da die Pfarrei nicht mehr kam wurde das nur noch
in einem Dorf durchgehalten, aber es gelang mir, in mehreren Doerfern wieder
Leute zu gewinnen, die sich darauf vorbereiten werden, Gemeindeleiter zu sein.
Die meisten waren sehr erfreut, dass die Pfarrei nun wieder in den Doerfern
auftaucht. Oft wurde ich etwas abwartend gefragt, ob ich denn laenger bleiben
wuerde. “Wenn Gott will” war dann meine Antwort.
So werde ich nun wahrscheinlich 3 Monate im Jahr auf dem
Fluss leben: 2 Reisen flussabwaerts und 2 Flussaufwaerts. Nirgendwo gibt es
Haendyempfang, allerdings gibt es in 5 Doerfern ein oeffentliches Telefon und
in weiteren 10 ein Amatuerfunkgeraet, so dass die Schwestern am Pfarreisitz
informiert werden koennen, wo wir gerade sind.
Gottseidank ist der Sitz der Pfarrei in der Kleinstadt El
Estrecho, wo die Muecken (fast) kein Problem sind und ich zumindest uebers
Telefon erreichbar bin. Herzlichen Dank auch allen Spendern, ich bin heute nach
langer Zeit mal wieder im Internet und muss mich erst mal informieren, was von
wem gekomen ist. Ganz besonders moechte ich Euch um Euer Gebet bitten, in
solchen Extremsituationen ist es die Kraft, die mich durchhalten laesst.
Iquitos, 22.5.17 Euer
Reinhold Nann
Alles am Fluss Rundbrief 27 Maerz 2017
Pfr Reinhold Nann Rundbrief 27 aus Perú 3/17
Alles am Fluss
Liebe Freunde,
Nun bin ich schon fast 5 Wochen in Iquitos und doch noch
nicht an meiner neuen Stelle. Diese erste Zeit ist noch eine Einfuehrungs- und
Kennenlernphase. Ich bin zwar schon 20 Jahre in Perú, habe aber das Gefuehl,
noch einmal ganz von vorne anzufangen.
Gleich am Anfang hat sich ein Zehennagel quer gestellt und
musste teilweise gezogen werden. Ich schenkte dem kaum Beachtung, habe meinen
normalen Rhytmus beibehalten und der Zeh wollte einfach nicht abschwellen.
Daraufhin bekam ich eine Woche Bettruhe verordnet, was ich fuer intensives
Lesen genutzt habe. An die Temperatur habe ich mich mittlerweile gewoehnt, auch
das verlangsamt den Lebensrythmus weiter. Die Stechmuecken bleiben laestig, so
langsam weiss ich wann und wo ich mich dagegen einschmieren muss.
Ich bin viel gereist. Von den 17 Pfarreien oder
Missionsstationen habe ich 10 besucht, davon waren 4 nicht mit einem Priester
besetzt. Alle liegen am Fluss: die meisten direkt am Amazonas oder an einem der
3 groesseren Nebenfluesse. Mein Reisebegleiter war Cesar Caro, spanischer
Dioezesanpriester, der auch gerade hier seinen Dienst beginnt. www.kpayo.blogspot.pe
Wir haben viel gesehen, mit den anderen Missionaren geredet
und von ihnen gelernt. Es gibt ein Netzwerk fuer Amazonaspastoral, das auch vom
Vatikan und den deutschen Hilfswerken unterstuetzt wird: REPAM. Es hat unter
anderem folgende Schwerpunkte: Pastoral an den Grenzen (Migration),
Indiopastoral, Menschenrechte, lebenswertes Leben, Bildung. Es gibt in den 6
Laendern, in denen der Amazonas ist, 100 Dioezesen oder Vikariate, die am
Amazonas gelegen sind. Der Amazonas produziert 20% des Sauerstoffs dieser Erde
und einen grossen Teil des Suesswassers.
Meine zukuenftige
Pfarrei: San Antonio del Estrecho
El Estrecho ist eine
Klein- und Grenzstadt am Putumayo, der die Grenze zu Kolumbien bildet. Ausser
den 5000 Einwohnern in der Stadt (knapp 1000 sind Militaer: Marine, Luftwaffe
und Heer!) liegen ca 100 Doerfer an diesem Fluss, auf ca. 600km Laenge
verstreut, die auch zur Pfarrei gehoeren. Diese Pfarrei hat seit Jahren keinen
Pfarrer und wird von 3 Ordensschwestern betreut, die auch noch ein Internat
haben. Dort sind Schueler aus den Doerfern, die dadurch die Moeglichkeit haben,
eine weiterfuehrende Schule (nach der Grundschule) zu besuchen. In nur 5
Minuten bringt uns ein Fischerboot ans andere Ufer und ohne Grenzkontrolle bist
Du in Kolumbien, in einem kleinen Fischerdorf. Bis vor kurzem waren dort noch
die Farc – Rebellen an der Macht, sie geben in diesen Tagen ihre Waffen ab. El
Estrecho ist ca. 300km noerdlich von Iquitos (Luftlinie). Es gibt keine
Strasse, mit dem Boot waeren es ca. 2 Wochen. Gott sei Dank fliegt die
peruanische Luftwaffe taeglich ca. 25 Passagiere und eine Menge Waren in
weniger als einer Stunde dorthin.
Auf dem Bild bin ich am Flughafen mit Pfr. Cesar Caro und
Schwester Lupita.
San Pablo: das Lepra
Getto vor 90 Jahren
Ca 250km von Iquitos abwaerts am Amazonas liegt San Pablo.
Dorthin wurden ab 1928 die Leprakranken des ganzen Gebietes verbannt und
isoliert. Erst in den 40er Jahren fand Maxim Kuczynski, ein polnischstaemmiger
Jude aus Berlin, der wegen den Nazis auswanderte und in Iquitos als Arzt
wirkte, experimentell eine Behandlungsmethode. Er ist der Vater des heutigen
Praesidenten von Peru! In den 50er Jahren war auch der Che Guevara fuer einige
Monate hier, bevor er nach Kuba kam (siehe sein Motorradtagebuch). 1948
entstand die Pfarrei mit kanadischen Missionaren, die kanadischen Schwestern
leiten bis heute das Lepra-heim, das allerdings nur noch 10 Patienten hat. Alle
sind von der Lepra geheilt, Leiden aber an ihren Folgen (Verstuemmelungen). In
der Praxis ist es ein Altenheim fuer Behinderte.
Das Dreilaendereck
Die Insel Santa Rosa ist 500km von Iquitos entfernt. Im
Schnellboot sind das immerhin 11 Stunden. 5min ueber den Fluss im Fischerboot
ist man entweder in Leticia/Kolumbien oder in Tabatinga/Brasilien, wenn
zwischen beiden nicht ein Schild “Grenze” stehen wuerde, wuerde man den
Uebergang nicht bemerkt haben. Beide Staedte sind Bischofssitze, haben auch
einen Flughafen (sagen wir besser: Rollfeld). Es gibt hier im Grenzgebiet wegen
fehlender Kontrolle viel Drogen- und Menschenhandel, letzterer vor allem fuer
die Prostitution. In Santa Rosa ist die kleine Holzkirche in erbaermlichem
Zustand. In wenigen Jahren wird der Holzwurm sie vernichtet haben. Hier wohnen
ca 2000 Menschen, es gibt nur eine Art Mesnerin, zum Sonntagsgottesdienst den
ein Priester aus Leticia haelt, kommen ca 10 Personen.
Ca 1 Stunde entfernt
liegt Islandia, am Eingang zum Yawarí Fluss. Auch eine Insel, die die meiste
Zeit des Jahres ganz unter Wasser steht. Die ca. 3000 Bewohner leben in einer
Art Pfahlbauten, auch die Gehwege, die die Hauser verbinden, ruhen auf
Pfaehlen. Es sieht ganz lustig aus, wenn die Kinder den grossen Platz als
Schwimmbad benutzen. Die Pfarrkirche ist ganz nett, das Pfarrhaus aus Holz hat
immerhin 10 Betten. Ich lerne die gerade angekommene Schwesterngemeinschaft kennen:
5 Schwestern zwischen 30 und 70 Jahren, alle aus Brasilien, aus 4 verschiedenen
Ordensgemeinschaften, ohne Tracht. Sie werden die Pfarrei leiten und vor allem
die Doerfer des Yawarí besuchen, die vor 9 Jahren zum letztenmal einen
Pastoralbesuch von 2 Laienmissionaren bekommen haben. Es gibt dort viele
Doerfer, die inzwischen zu 100% nichtkatholischen Gruppen angehoeren.
Ein Vikariat kurz vor
der Pleite
Die Einnahmen einer Pfarrei hier belaufen sich auf ca. 40E
monatlich an Kollekten und etwas weniger an Stipendien (Taufen und Messen). Das
Vikariat erhaelt jaehrlich ca. 30.000E von Rom (Propaganda Fide, vor allem aus
den Missionskollekten). Sein
Jahreshaushalt belauft sich auf knapp eine Million Dollar, wovon 2/3 in soziale
Projekte gehen, die ueberwiegend ueber internationale Hilfswerke finanziert
werden. Das Problem sind die Personalkosten der ca. 51 Missionare (Priester,
Schwestern, Laien) und die Instandhaltungskosten der Haeuser, Kirchen sowie
einige Verwaltungskosten. Dafuer klafft im Haushalt 2017 ein 100.000 US$ –
Loch. Ich gehoere zu den wenigen Ausnahmen, die von ihrer Heimatdioezese ein
Gehalt bekommen, und damit dem Vikariat keine Kosten verursachen. Ich habe
bereits ein Hilfsgesuch an die Erzdioezese Freiburg geschickt, und hoffe auf
eine grosszuegige Unterstuetzung. Ich werde auch die Haelfte meines Gehalts dem
Vikariat geben, ich denke, dass mir die andere Haelfte sowohl fuer mich selbst
als auch fuer die Pastoralarbeit in der Pfarrei genuegt. Diesmal bitte ich um
eine grosszuegige Spende nicht fuer mich und meine Arbeit, sondern fuer die
restlichen Missionare in diesem Vikariat. Vielleicht gelingt es mit vielen
kleinen Hilfen das fuer uns grosse Loch zu stopfen. Ihr koennt eure Spende
direkt auf mein Konto machen oder fuer die Spendenquittung an meine Heimatpfarrei
in Vogtsburg.
In allen Schwierigkeiten mache ich immer wieder die
Erfahrung: Gott laesst mich nicht im Stich. Diese Erfahrung wuensche ich Euch
allen
Iquitos, 14.3.2017 Reinhold
Nann r.nann@web.de Privat: IBAN: DE53 7509 0300 0007 1054 87 Pfarrei Vogtsburg: DE16 6806 3479 0024 1093 05 (Spende
Reinhold Nann)
viernes, 10 de febrero de 2017
Partnerschaft in Iquitos
Heute war ich in Sachen Partnerschaft in Iquitos unterwegs:
Aus der Erzdioezese Freiburg gibt es 2 Partnerschaften mit Pfarreien des
Apostolischen Vikariats von Iquitos:
- St. Konrad in Villingen - San José in Iquitos
- Hl Dreifaltigkeit und Hl. Kreuz in Wiesloch - Santa Rita de Cassia in Castilla (Marañon)
Ich habe zuerst Padre Angel Saboya aufgesucht. Er ist 75
Jahre alt, seit 50 Jahren Priester, vielleicht der erste Dioezesanpriester aus Iquitos. Er ist so etwas
wie nationaler Geistlicher Leiter der JEC (Katholische Studierende Jugend) und
hat in seinem Alter ein faszinierend gutes Verhaeltnis zu den Jugendlichen: Sie
nennen ihn liebevoll “Shameco”, was so viel wie “Einfaltspinsel” bedeutet, aber
irgendwie klingt es auch nach “Schamane”. Ich traf ihn beim Nationaltreffen der
JEC, zusammen mit ca 50 Jugendlichen. Er war lange Pfarrer in San José, kann
sich sehr gut an die Partnerschaft erinnern und war selbst auch schon mehrmals in
Villingen. Ueber ihn kam ich dann in die Pfarrei San José, eine Pfarrei am
Stadtrand von Iquitos und doch nur 10min vom Stadtzentrum entfernt. Dort traf
ich auf einen engagierten Laien, Gustavo Chong, der frueher selbst Leiter des
Partnerschaftskreises war, diese aber jetzt an Veronica Armas abgegeben hat. Er
erzaehlte mir, dass der Kreis existiert und sich auch monatlich trifft. Es gibt
wohl staendigen e-mail Kontakt zwischen den Mitgliedern. Die Unterstuezung aus
Deutschland kommt vor allem z.Zt. 9 Jugendlichen zugute, denen ein
Universitaetsstudium ermoeglicht wird. Pfarrer ist Juan Jose Castillo, im
Moment leider in Urlaub.
Dann habe ich im Vikariat die Auskunft bekommen, wegen Santa
Rita de Cassia koennte ich Pfr. Miguel Angel Cadenas aufsuchen, ein Augustiner
der 20 Jahre dort Pfarrer war und jetzt die Pfarrei La Inmaculada in Punchana
leitet. Das war ein sehr interessanter Besuch. P. Miguel Angel ist Spanier und ist
ein ausserordentlicher Kenner der Kultur und der Menschen am Amazonas. Er
glaubt nicht, dass die Eingeborenen sich laengst an die westliche Kultur
angepasst haben, nein sie haben sich die westliche Kultur einverleibt ohne je
aufgehoert zu haben, Eingeborene zu sein. Wie ein Tiger holt er sich alles Fremde
gerne und mit grosser Offenheit an sich heran, vielleicht frisst er es in sich
hinein, aber er bleibt ein Tiger. Dafuer spricht, dass in der 400.000 Einwohner
Stadt Iquitos alles nach westlichen Maasstaeben abzulaufen scheint, es aber eine Unmenge von Schamanen gibt, die
weiterhin von sehr vielen aufgesucht werden in ihren Krankheiten und Problemen.
Ich habe ihm fasziniert zugehoert. Vielleicht wird ein wenig deutlich, dass die
Menschen hier nicht sehr begrifflich denken, eher symbolisch-mythisch.
Der jetzige Pfarrer von Santa Rita ist erst seit kurzer Zeit
dort, er ist auch Augustiner. Leider sind auch die Schwestern nicht mehr dort,
die bisher auch in der Partnerschaft engagiert waren. Es wird wohl noetig sein,
mit dem neuen Pfarrer P. Luis Fernandez in Kontakt zu kommen. Santa Rita de
Cassia ist ziemlich entfernt von Iquitos. Man fahrt zunaechst mit dem Bus nach
Nauta (ca 2Std). Dort fahren um 6Uhr morgens Rapidos (Schnellboote) in ca 5 Std
nach Santa Rita (frueher gings 3 Tage).
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