Im Juni strahlte der SWR einen Podcast aus, der auf einem Interview mit mir aufbaut.
https://www.swr.de/swrkultur/podcast/der-bischof-und-die-liebe-100.html?mediaId=075d636d-e4a0-39a6-89fd-4328f7175b26&
Hier können Sie meine Rundbriefe und sonstige Nachrichten finden.
Im Juni strahlte der SWR einen Podcast aus, der auf einem Interview mit mir aufbaut.
https://www.swr.de/swrkultur/podcast/der-bischof-und-die-liebe-100.html?mediaId=075d636d-e4a0-39a6-89fd-4328f7175b26&
Auf meinen Podcast im SWR hin „Der Bischof und die Liebe“, hat mir eine ehemalige Ordensschwester geschrieben und mir erlaubt, den Brief anonym zu veröffentlichen. Er lässt deutlich werden, wie allzu menschlich oder auch unmenschlich es oft in der Kirche und im Ordensleben zugeht. Da zerbrechen Illusionen und Lebensentwürfe. Und dennoch geht das Leben weiter, mit Gott und am Rand der Kirche. Besonders betroffen gemacht hat mich der Satz über ihre Schwestern in der Gemeinschaft: „eine war der anderen Feind“. Es ist eine berührende Geschichte, und ich freue mich, dass aus der „brennenden Eiferin“ eine Frau wurde, die in Liebe auf den Herrn vertraut und für die Menschen da ist.
Mein Name ist Pia (wirklicher Name bleibt
anonym), ich lebte 10 Jahre in einem Kloster im Osten Deutschlands) und war
eine brennende Eiferin für die Kirche.
Mit 21 trat ich ins Kloster ein, um Gott ganz
zu gehören und in der Liebe des Herrn seinen Weg zu gehen.
Ich führte ein glückliches Leben als
Ordensfrau, wenngleich es oft menschliche Probleme gab, die ich sah und die
Einsamkeit empfand ich stark obwohl ich in einer Gemeinschaft voller
Gleichgesinnter lebte, so dachte ich zumindest.
Mit den Jahren musste ich immer wieder
erfahren, dass die Menschlichkeiten zu sehr dieses Leben beherrschten und
irgendwie eine der anderen ihr Feind war.
Mich traf dies immer mehr und ich hoffte
dennoch mit bestem Beispiel etwas verändern zu können.
Ganz schlimm wurde es, als unsere Oberin
abdankte und wir ein Jahr des Wahlkampfes innerhalb des Klosters hatten.
Ich konnte nicht glauben was da alles geschah
und es brach mir das Herz.
Gewählt wurde nicht die, die es unbedingt
wollte und ich dankte dem Herrn, dass er seinen Hl. Geist wirklich gesandt
hatte und uns eine Chance gab.
Noch am Wahltag versprach die Nichtgewählte,
dass sie die neue Äbtissin fertig machen wird und da ich dabeistand, konnte ich
es kaum glauben und es traf mich zutiefst.
Möge ich ein wenig naiv sein, aber ich glaube
daran, dass Gott uns liebt und uns den rechten Weg weist, und ich liebe ihn von
ganzem Herzen.
Nun kam noch eine Prüfung dazu, dass mir die
wirtschaftlichen Belange des Klosters anvertraut wurden und ich einen
mittelständigen Betrieb vor mir hatte, der in sich zerstritten war.
Die verschiedenen Leitungen verstanden sich
nicht und diejenige, die gern Oberin geworden wäre) hatte viel zu diesem
Unfrieden beigetragen.
Mehr und mehr bekam ich Einblick in die
Belange des Klosters und was ich sah machte mich traurig und sehr wütend.
Nach fast 1,5 Jahren hatte ich die
Klosterbetriebe so weit, dass die Menschen wieder miteinander sprachen und
anfingen sich auch zu helfen.
Leider schwand immer mehr meine Kraft und ich
fühlte mich mehr und mehr einsam!
Meine Gemeinschaft verstand nicht, warum ich
mich so für die Menschen einsetzte und meine Oberin war leider oft überordert
und musste mit anderen Dingen kämpfen.
Nach der Aufarbeitung eines sexuellen
Missbrauchs, bei dem ich den Beauftragten im Bistum (ein Priester) anrief und
dieser mir zu verstehen gab das ich ja nicht die Polizei einschalten sollte und
erstmal stillschweigen sollte (was ich nicht tat sondern wir hatten eine
tolle Polizeibeamtin) und einem weiteren Übergriff unseres Heimleiters auf eine
FSJlerin in der gleichen Zeit kippte ich förmlich um und zusammen und kam in
eine Psychiatrie.
Dort hatte ich die Möglichkeit viel
aufzuarbeiten und schmerzlich zu begreifen, dass ich trotz Gemeinschaft sehr
einsam bin.
Ich stritt mit dem Herrn und bat ihn mir zu
zeigen, was er von mir verlangte und nach fast 3 Monaten bat ich ihn, dass er
mir helfe, wenn ich das Kloster verlasse.
Ich fand Frieden mit dem Gedanken und der Herr
half mir wie auch heute und immer.
Nun lebe ich schon seit 12 Jahren in XX und
führe ein gutes und erfülltes Leben mit meinem kleinen Hund, der mir treu zur
Seite steht!
Ich brauchte viele Jahre und einige
Klinikaufenthalte um ohne Schuldgefühl zu dem Satz zu kommen, dass mein Glaube
fest ist aber das System Kirche oft nicht das Vertritt, was wir in der Hl.
Schrift lesen und was der Herr uns gelehrt hat.
Im Herzen bin ich immer noch die Ordensfrau
(meinen Ordensnamen habe ich offiziell gemacht) aber ich sehne mich nicht nach
der klösterlichen Gemeinschaft.
Mit meiner Kirche, dem System, hadere ich,
aber ich glaube und vertraue dem Herrn.
Meine Gottesdienste versuche ich ebenso im
Leben und in der eigenen Andacht zu vollziehen und versuche für die Menschen da
zu sein und zu dienen. Manchmal mache ich mir aber doch die Gedanken, ob das so
richtig ist.
Eine Gemeinde habe ich hier in Leipzig nicht
gefunden bzw. ich vertraue nicht mehr, auch wenn ich ab und an die
Gottesdienste besuche (nicht regelmäßig ich ärgere mich zu oft).
Der Herr möge mir verzeihen, aber ich hoffe
sehr, dass er meine Liebe auch so sieht und ich spüre auch die seinige! Wir
Menschen denken oft, das Gott wie ein Mensch ist aber er ist Gott und er ist
Liebe, Liebe die größer ist als alle Liebe.
Wir genießen es als Paar nun viel zeit füreinander
zu haben. Viele unserer alten Freunde sind weiterhin mit uns in Kontakt, sie
beglückwünschen uns zum mutigen und ehrlichen Schritt. Wer weiß, vielleicht
wird auch noch ein Schriftsteller aus mir.
Ich publiziere hin und wieder etwas auf meinem
blog in Religion Digital. https://www.religiondigital.org/una_voz_en_el_desierto-_el_blog_de_reinaldo_nann/
Zuerst einmal brauchte ich viel Distanz zur
hierarchischen Kirche, der Abschied war doch schmerzlich. Inzwischen habe ich
meinen Ort in der Kirche gefunden, es ist die Familie als Hausgemeinde. An
vielen Tagen sind wir allein als Paar, manchmal kommen Freunde und Verwandte
mit dazu. Vielleicht tut sich auch noch einmal eine Tür im Amazonasgebiet auf,
wir warten noch ab.
Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Gute
zum Weihnachtsfest und Neuen Jahr
Reinhold und Angela
P.S. In Nazca haben wir eine Ferienwohnung zum
Vermieten mit bis zu 3 Schlafzimmern. Man kann dort ca. 2-3 Tage Tourismus
machen (Nazca Linien, Ausgrabungen, Aquädukte, Strand (Dezember bis Maerz),
Wüstentouren, Sandboarding und Vicuñas sind innerhalb einer Stunde zu
erreichen. In Ica sind Weingüter zu besichtigen. Es gehen Busse nach Lima, Ica,
Cuzco und Arequipa. Ich bin gerne beim Ausarbeiten der Reise behilflich.
Auf der Amazonassynode wurde zum ersten Mal offiziell an den Papst der Wunsch herangetragen, auch verheiratete Maenner zu Priestern weihen zu können. Papst Franziskus hat dies im postsynodalen Schreiben „Querida Amazonía“ dann ignoriert. Das Pflichtzölibat, erst 1134 von der Kirche definitiv für alle Kleriker verpflichtend, ist kein göttliches Gebot und könnte jederzeit vom Papst aufgehoben werden. Es gibt weltweit tausende verheiratete katholische Priester in den mit Rom unierten Ostkirchen und als mit Familie konvertierte Pastoren der evangelischen und anglikanischen Kirchen. Papst Leo wird es wohl nicht wagen wird, das Kirchenrecht dementsprechend zu ändern.
Dennoch gibt es neben den bereits in
Partnerschaft lebenden und daher vom Dienst suspendierten Priestern immer mehr
Priester und Bischöfe, die auch öffentlich eine Aufhebung des Pflichtzölibats
fordern, was noch vor wenigen Jahren nur unter vorgehaltener Hand möglich war.
Sie tun es vor allem im Bewusstsein, dass viele gute Priester und der Kirche
erhalten geblieben wären, wenn es denn den Pflichtzölibat nicht gäbe. Etwa 2000
Priester mussten im deutschsprachigen Raum seit dem Konzil ihren priesterlichen
Dienst wegen der Zölibats Pflicht aufgeben – weltweit sind es mehr als 100 000.
Etwa zwei Drittel der Priesteramtskandidaten haben das Priesterseminar
wegen des Zölibats verlassen (Sellmann-Studie 2024) Fast jeder Weihekurs kann
ein Lied davon singen. Außerdem gibt es eine ganze Menge Priester, die in der
Praxis ein Doppelleben führen und mit ihren PartnerInnen nicht wenig darunter
leiden. Solange dies nicht öffentlich bekannt wird, schauen die Bischöfe meist
großzügig darüber hinweg.
In Frage steht dabei nicht der Zölibat an
sich, der frei gewählt wurde, von Menschen die sich ganz bewusst nicht an einen
Partner und eine Familie binden möchten, um ganz frei für Gott und für eine
Gemeinschaft oder eine Gemeinde sein zu können. Dennoch kann auch eine frei gewählte
Entscheidung oft nicht ein ganzes Leben tragen. Es gibt Momente, wo diese
Entscheidung in Frage gestellt wird und vielleicht nicht durchgetragen werden
kann
Viele haben den Zölibat auch nur in Kauf
genommen, weil er notwendige Bedingung zum Priestersein war. Wahrscheinlich war
zu Beginn diese Bedingung gar nicht so schwer zu ertragen, aber mit der Zeit
wurde es oft schwieriger. Warum kann man
also nicht wie beim Diakon, beide Möglichkeiten zur Auswahl stellen:
verheirateter oder unverheirateter Diakon? O.K. dafür ist im Vatikan noch keine
Mehrheit zu finden.
Im deutschen synodalen Weg hat man eine gute
Lösung für wiederverheiratete Geschiedene im kirchlichen Dienst gefunden. Das
kirchliche Arbeitsrecht konnte man in Deutschland ändern: für hauptamtliche
kirchliche Mitarbeiter wird nun ganz einfach die Tatsache des „nicht nach der
kirchlichen Lehre lebenden“ Zusammenlebens ohne Trauschein nicht mehr als
Kündigungsgrund erwähnt. Problem gelöst, Mitarbeiter beruhigt.
Könnte man nicht ähnliches für verheiratete Priester tun? Das
Kirchenrecht wird in Deutschland nicht geändert werden können, das kirchliche
Arbeitsrecht aber schon. Man könnte zum Beispiel suspendierte Priester als Pastoralreferenten
einstellen.
So empfiehlt
der Synodale Weg in Votum 7 des Priesterforums:
„(36) Die
Synodalversammlung fordert die Deutsche Bischofskonferenz auf,
a) einen
intensiven Austausch mit suspendierten und dispensierten Priestern zu pflegen
und einer Entfremdung entgegenzuwirken.
b) es zu ermöglichen,
dass sich dispensierte Priester auf allen Laien offenstehende kirchliche Berufe
bewerben können. Die Integration in einen pastoralen Dienst soll wie im
erneuerten Dispensreskript möglich sein.“
Dasselbe fordert schon die Würzburger
Synode, deren Ende vor 50 Jahren wir in diesen Tagen begehen.
Man könnte ihnen Sozialleistungen zugestehen,
wie sie auch der Staat seinen aus dem Dienst ausgeschiedenen Beamten zugesteht,
da ja mit dem Kleriker Status zivilrechtlich gesehen eine Art Beamtenstatus
gegeben wurde. Ich habe den Eindruck, wenn man schon den Zölibat ändern möchte,
aber nicht kann, sollte man wenigstens die zivilen Folgen bzw. Strafen
aufheben, die beim Verlust des Klerikers/Beamten-status eintreten.
Ausgehend von mir als Bischof, der sein Amt
wegen Heirat aufgeben musste, möchte ich daher konkrete Vorschläge machen, im
vollen Bewusstsein, dass dies für mich gar nicht mehr rückwirkend möglich wäre,
aber für viele die noch kommen, eine wirkliche Versöhnung mit der Kirche
herstellen könnte und diese Leute der Kirche damit noch einen guten Dienst leisten
könnten. Ich sehe mich damit in einer Linie mit der Initiative „Priester im
Dialog“, die derzeit von Edgar Buettner koordiniert wird.
Diese Vorschläge sind nicht einfach nur
Forderungen nach Privilegien. Eine angemessene Rente und Krankenversicherung
sind Menschenrechte, die die Kirche in der katholischen Soziallehre vom Staat
einfordert und im eigenen Hause nicht einfach missachten kann.
Ich würde der Bischofskonferenz, den
Generalvikariaten und den Priesterräten der Diözesen raten, diese Vorschläge
eventuell gemeinsam mit der Initiative „Priester im Dialog“, jedenfalls mit
Betroffenen zu diskutieren.
Ich bin Reinhold Nann, habe die deutsche und peruanische Staatsbürgerschaft, bin 65 Jahre alt und seit kurzem in Peru zivil verheiratet, wo ich mit meiner Frau lebe. Ich bin katholischer Priester seit 1987 und Bischof seit 2017, Ämter auf deren Ausübung ich verzichtet habe.
Meinen Dienst habe ich überwiegend in Peru an
den Rändern der Gesellschaft bei den Armen ausgeübt. Ich fühlte mich wohl dort
und Papst Franziskus war zu Beginn ein großer Hoffnungs- und Lichtblick für
mich und mein Kirchenbild. Für kurze Zeit habe ich die fast absolute Machtfülle
genossen, die mir das Bischofsamt in meinem Territorium der Kirche gibt. Aber
dann holte mich die traurige Realität ein. Wahrscheinlich hatte ich zuvor das Priesterbild
idealisiert. In meiner Vorstellung gab es natürlich einige schwarze Schafe,
aber die große Mehrheit müsste doch genauso idealistisch sein wie ich. Je
weiter ich nach oben kam, um so deutlicher wurde mir das Ausmaß an Abgründen, Tragödien,
Missbrauch, Mittelmäßigkeit und Lügen. Ich habe zu viel gesehen, war entsetzt
und deprimiert.
Während meines Dienstes habe ich das Zölibat
verteidigt, nicht unbedingt verpflichtend für alle. Und ich habe die
Ehelosigkeit auch tatsächlich gelebt. Einige Male habe ich mich verliebt, aber
dann doch schnell wieder meine Entscheidung für den Zölibat erneuert. Ich kam
mir dabei fast wie ein Held vor, ohne zu bemerken wie ich immer einsamer und oberflächlicher
wurde. Nach der Pandemie habe ich mich in die Person verliebt, die heute meine
Ehefrau ist. Es ist eine Liebe, die täglich wächst und die anfangs versteckt
werden musste, bis wir Klarheit über unsere Zukunft hatten.
Am 1.7. 24 bin ich als Bischof von Caraveli zurückgetreten,
weil ich eine Aus- und Entscheidungszeit brauchte. Die Depression war der Anlass,
die Liebe der Grund dafür. Ich war mehrere Monate in Deutschland, getrennt von
meiner Partnerin, um spirituelle und psychologische Hilfe zu holen. Im Dezember
letzten Jahres habe ich dann den Vatikan und die Erzdiözese Freiburg von meiner
Entscheidung auch das Priesteramt aufzugeben informiert. Bis zu diesem
Zeitpunkt bekam ich noch ein Gehalt von Freiburg als Fidei-Donum-Priester, eine
Art Leiharbeiter für die Kirche in Peru. Der Vatikan hat mich bis heute nicht
laisiert, das heißt ich lebe für die Kirchenrechtler in schwerer Sünde und übe
so etwas wie ein sakramentales Fasten aus.
Ich habe ganz vieles verloren: meinen beamtenähnlichen Klerikerstatus, mein
Einkommen, meine Beamtenpension, meine Krankenversicherung. Meine Position in
der Kirche, Respekt und Aufmerksamkeit ganz vieler Menschen. Mein Glaube an die
institutionelle Kirche.
Ich habe gewonnen: eine Partnerin die mich
liebt, ganz zu mir passt und die ich nicht mehr verstecken muss. Die Freiheit,
ganz ich selbst sein zu können, unabhängig vom Amt und der Institution.
Mein Glaube an Gott und die Kirche als
Gemeinde blieb intakt.
Der Ablösungsprozess vom Klerikeramt verlief
sehr enttäuschend. Ich bin im Moment „obdachlos“ in der Kirche, aber auf der Suche
nach einem neuen Zuhause. Von der Klerikerkirche erwarte ich keine
substanziellen Erneuerungen in dieser aufgewühlten Zeit.
Zu Beginn gab es kein verpflichtendes Zölibat
in der Kirche. Ich glaube, dass das krampfhafte Festhalten daran der Kirche
weit mehr Schaden als Nutzen bringt. Unsere Pfarreien sind immer weniger
Gemeinden und immer mehr rein sakramentale Dienstleistungsorte. Aber deswegen
evangelisch zu werden ist auch nicht mein Ding. Auch dort gibt es Enttäuschendes
beim Bodenpersonal. Ich werde versuchen, Kirche urkirchlicher, von unten her zu
leben. Als Glaubens-Gemeinschaft angefangen von meiner Ehe als Haus-Kirche, wo
ich weiterhin das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ausführe.
Im Moment gebe ich keinerlei Interviews. Ich
liebe meine Privatsphäre und schütze sie vor jedem Sensationalismus.
Karl Reinhold Nann: ein Opfer der Zwangs- Euthanasie der Nazis
Der Heimat- und Geschichts- Verein Vogtsburg
konnte bei der Umgestaltung des Denkmals der Gefallenen der Weltkriege vor dem
Neubau des Rathauses erreichen, dass auch ein Mahnmal für die zivilen Opfer des
Nationalsozialismus dort seinen Platz fand. Nachforschungen ergaben, dass
mindestens 14 behinderte Menschen aus Vogtsburg 1940 ermordet wurden. Das am
besten dokumentierte Opfer trug meinen Namen und ist Cousin meiner Schelinger
Oma gewesen. Ich selbst habe erst vor kurzem durch den Heimat- und
Geschichtsverein von diesem Fall erfahren.
1.
Der Fall Karl Reinhold Nann
Karl Reinhold wurde am 20.8.1918 in Schelingen
(heute Ortsteil von Vogtsburg) im Haus Nr.7 geboren. Sein Vater war Roman Nann,
Onkel meiner Oma Elise Nann. Seine Mutter war Katharina Gut. Bald nach der
Geburt von Karl Reinhold starb ihr Mann Roman und sie heiratete ihren zweiten
Mann, Rudolf Dieringer.
Karl war kein gesundes Kind. Er kam mit
Hasenscharte und geistiger Behinderung zur Welt, bereits mit 9 Jahren wurde er
zum ersten Mal in die St. Josefs- Anstalt in Herten vom Kreiswohlfahrtsamt
eingewiesen. Seit 1932 blieb er ununterbrochen in dieser katholischen
Einrichtung für behinderte Kinder und Schulentlassene sowie für sogenannte
nicht „bildungsfähige“ Erwachsene. Die Diagnose lautete „angeborene Idiotie mit
nachgewiesener organischer Erkrankung“.
Das Nazi Regime hatte Erbgesundheitsgerichte gegründet,
auch beim Amtsgericht Freiburg war eines angesiedelt. Dieses ordnete für Karl
Reinhold Nann bereits 1935 eine Zwangssterilisierung an. Wegen mehrerer Einsprüche
des Direktors Vomstein der Anstalt in Herten konnte dies aber erst 1937 durchgeführt
werden.
Am 20.8.1940 wurde Karl Reinhold von Herten
nach Emmendingen verlegt und von dort am 6.9. ins Vernichtungslager in
Grafeneck (Schwäbische Alb), wo er gleich beim Eintreffen in der Gaskammer
ermordet wurde. Seine Mutter Katharina Dieringer erklaerte nach dem Krieg:
„Die Anstalt in Herten hat mich von dem
Wegtransport nicht benachrichtigt, und wir wussten auch nicht, wohin mein Sohn
kam. Im September 1940 erhielt ich dann von einer Anstalt in Grafeneck die
Nachricht, dass mein Sohn Karl an Wanderrose mit Blutvergiftung gestorben sei.
Als Todestag war der 16. September 1940 um 2 Uhr angegeben. In dem Schreiben
stand noch, dass niemand hinkommen dürfe, indem die Krankheit sehr ansteckend
gewesen sei. Die Asche könne uns aber zugeschickt werden. Darauf haben wir aber
verzichtet.“
Warum wurde dieser hilflose und geistig behinderte
junge Mann umgebracht?
Die Rassenideologie der Nazis war eine Art „Sozialdarwinismus“.
Man wollte den natürlichen Selektionsprozess beschleunigen, und um die arische
Rasse nicht zu schwächen sollten unheilbar behinderte Menschen auf keinen Fall
das Erbgut der deutschen Rasse schädigen (daher Zwangssterilisation) und auch
dem Staat keine unnötigen Kosten bereiten (daher Vernichtung „lebensunwürdigen
Lebens“).
Diese Ideologie wurde mit brutaler Konsequenz
umgesetzt. Hitler selbst berief die unter dem Decknamen T4 (benannt nach ihrem
Sitz in der Theresienstraße 4 in Berlin) laufende Medizinerkommission ein, die
1939 alle Behinderteneinrichtungen in Deutschland zwang, ein Formular für jeden
ihrer Patienten auszufüllen. Die Kommission entschied dann die Ermordung von
70.000 Behinderten, die in geheime Vernichtungsanstalten verlegt und dort
vergast oder vergiftet wurden. Die Toten wurden eingeäschert und die Angehörigen
über die wahre Todesursache getäuscht. Dennoch wurde die Zwangs-Euthanasie
bekannt, auch durch die Predigten einiger mutiger katholischer Priester, wie
z.B. Clemens Kardinal von Galen aus Muenster, die jedoch dafür ihr Leben
riskierten. Ein Sturm der Empörung brach aus, die Aktion wurde anscheinend
gestoppt, aber auch in den Jahren danach kamen noch 30.000 weitere Behinderte
um.
Der Umgang mit Behinderten Menschen der Nazis
kann nur als zutiefst unmenschlich und grausam beschrieben werden. Dagegen hat
jeder Mensch seine Würde, nur wegen der Tatsache, dass er ein Mensch ist, und
wie wir Christen sagen: ein Kind Gottes und damit unser aller Bruder oder
Schwester. Die Menschenwürde gebietet jedes Leben, auch das schwache oder
andere, zu schützen und zu achten.
In dem von Hitler verursachten zweiten
Weltkrieg kamen insgesamt 60 Millionen Menschen ums Leben, Soldaten und
Zivilisten, Einheimische und Ausländer. Unter den zivilen Opfern befanden sich
vor allem Juden, Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle u.A.
Nie wieder Nazis in Deutschland und anderswo.
Vogtsburg, im Januar 2025, Reinhold Nann
Quellen:
Ich kam am 22.9.24 in Compostela, dem „Sternenfeld“ oder dem Grab des Apostels Jakobus (Santiago) an, nachdem ich von Burgos aus 497km zu Fuss gepilgert war.
Eine europaeische Kulturstrasse, Tausende von Pilgern tae
![]() |
| Bischofspalast Astorga |
Ich habe unterschiedlichste Leute getroffen:
eine 81 jaehrige Argentinierin, die alleine 117km von Sarria aus pilgerte, ein
Franzose mit Burn-Out, ein Oesterreicher der von seiner Heimat aus schon 3
Monate unterwegs war, italienische Schulklassen, einen aelteren Hollaender der
nach einem Sturz im Krankenhaus genaeht wurde und dennoch gleich wieder
weiterging...
Ich hoerte vom Pfarrer von O Cebreiro, der in
den 80 Jahren, als der Jakobsweg gerade wiederentdeckt wurde, in diesen
aussterbenden Doerfern ueberall im Wald gelbe Pfeile auf die Baeume malte. Als
er von der Polizei gefragt wurde, was er denn da mache, habe er feierlich
geantwortet: „Ich bereite eine Invasion vor“. Er hatte es dann selbst nicht
mehr erlebt, aber seinen Glauben habe ich bewundert.
Ich habe viel gelernt:
1.
Ich akzeptierte meine Schwaechen,
vor allem im Schulter- und Rueckenbereich. Der 8kg schwere Rucksack hat mir am
ersten Tag gleich erhebliche Beschwerden verursacht. Ich habe mich ueberwunden
und ihn schliesslich jeden Tag einem Gepaeckdienst anvertraut. Da wo ich selbst
nicht mehr kann, muss ich fremde Hilfe akzeptieren.
2.
In mir war noch viel mehr Energie
und Kraft, als ich es vermutet haette. Keine Blase an den Fuessen, die Beine
und der Koerper waren zwar nach jeder Etappe erschoepft, aber wohlauf. Ich
musste nur meine Etappen gut einteilen und fuer gute Ernaehrung und viel Schlaf
sorgen.
3.
Auch meine geistige Verfassung hat
mich ueberrascht. Das klare Ziel vor Augen, das Erreichen jeder Tagesetappe und
die frische Luft haben auch den Geist befluegelt. Ich wurde froehlich, dankbar
und zaeh. Eine wirksame Antistress- und Antidepressions-therapie.
4.
Als Pilger wirst Du
herausgefordert. In Stockbetten im Schlafsaal zu schlafen war am Anfang etwas
schwierig fuer mich. Ich musste die brennende Sonne, sehr kalte Vormittage und
3 leichte Regentage aushalten. Mit der rechten Kleidung und Einstellung kannst
Du aber diese auesseren Schwierigkeiten leicht ueberwinden und Gott fuer alles
danken.
5.
Pilgern heisst auch achtsam sein
auf die Zeichen am Weg. Ueberall gab es Wegmarken mit der Jakobsmuschel und den
gelben Pfeilen. Nur 4 km vor Santiago schenkt einem der „Freudenberg“ die
Euphorie, zum ersten Mal das Ziel vor Augen zu haben. Bei mir wars leider total
neblig. Und dennoch war ich von tiefer Freude und dem Glauben erfuellt, dass da
unten ganz nahe mein Zoiel ist, auch wenn ich nichts sehen kann. Glauben ohne
zu sehen...
6.
Es gibt Menschen die in deinem
Rythmus gehen und andere nicht. Mit den ersteren kommst Du vielleicht in ein
gutes Gespraech, sie werden zu Wegbegleitern, den anderen sagst Du beim
Vorbeigehn nur ein „Buen Camino“ (Guten Weg). Keiner wird zensiert wegen seinem
Tempo oder seinen Ansichten, jeder darf sein, wie er ist. Pilger sind keine
Konkurrenten, es geht nicht darum vor den anderen anzukommen sondern ueberhaupt
anzukommen. Du musst Dich auf Deinen eigenen Weg, dein Tempo und Dein Leben
konzentrieren.
7.
Ich bin meinen Weg fast anonym
gegangen. Nur ganz wenigen habe ich auf Nachfrage gesagt, dass ich Priester
bin. Ich war fast taeglich in der Messe, unerkannt als Teilnehmer. In Santiago
habe ich mit-zelebriert, ohne zu erwaehnen, dass ich Bischof bin. Wichtig ist
nicht meine Position oder mein Amt, sondern mein Mitgehen mit dem Volk Gottes,
so wie Jesus es tat. In Astorga habe ich
einen erzbischoeflichen Palast gesehehen, der wie ein Disney-Maerchenschloss
aussah. Anfang des 20sten Jahrhunderts hatte
ein Bischof den noch jungen Landsmann und Stararchitekten Gaudí
engagiert. Der Bischof starb jedoch noch vor dem Ende des Bauwerks. Kirchliche
Macht ist auch nur „Windhauch“, wie die Bibel (Buch Kohelet) sagt, und am Ende
unseres Lebens bleibt nur die Liebe (Korintherbrief), nicht die Bauwerke.
8.
Zu Fuss pilgern heisst auch die
Langsamkeit und die Betrachtung zu ueben. Normalerweise mache ich alles schnell
und stresse mich selbst. Durch die Langsamkeit des Gehens wurde ich aufmerksam
auf die Weg-Zeichen Gottes, die Natur, Kultur und Menschen. Pilgern heisst
entschleunigen und achtsam werden auf das, was sich in Dir und um Dich herum
regt.
Das Pilgern war fuer mich wie eine Neugeburt.
Es gibt mir Kraft mit Geduld und Zaehigkeit meinem Ziel entgegenzugehen, das
sich mir erst im Verlauf des Weges entschleiert. Dank allen Mitpilgern und
Mitpilgerinnen, auch wenn es nur fuer eine kurze Zeit sein sollte.
Habt auch Ihr einen „Guten Weg“ (Buen Camino).
September 2024 Euer
Reinhold Nann