lunes, 17 de febrero de 2020

Zum „Nann-Gaenswein Konflikt“: Hintergruende und Zuruecknahme meiner Worte



Ich gebe gerne zu, dass ich einen gravierenden Fehler gemacht habe. Ich habe mir in meinem Blog etwas vom Herzen geschrieben, was eigentlich nur fuer die ca. 30-40 meiner ueblichen Blog-Leser bestimmt war. Dass darauf ploetzlich die Presse und eine grosse Oeffentlichkeit aufmerksam wurde ist ohne mein Zutun geschehen, aber ich haette die Moeglichkeit einkalkulieren muessen und das Ganze anders formulieren sollen. Ich wollte Herrn Erzbischof Gaenswein nicht persoenlich angreifen, sondern nur fuer meine Freunde deuten, was da geschehen ist.

Bis mir klar wurde, welche Lawine ich da losgetreten habe, war es schon zu spaet. Ich habe zunaechst geschwiegen und werde auch weiterhin keine Interviews zu dem Fall geben, um nicht noch mehr Oel ins Feuer zu giessen. Viele haben mir dann geschrieben, von begeisterter Zustimmung bis zu Unverstaendnis und Beleidigungen.

Der Anlass fuer meine Aeusserungen waren die Vorgaenge im Vatikan:

Papst Franziskus hat viele Gegner im Vatikan, die ihn loswerden wollen.  Ihm wird von extrem konservativen Kreisen Haeresie und Goetzendienst vorgeworfen. Der einzige wirklich sichtbare Kopf des Wiederstands ist Erzbischof Vigano, die anderen halten sich bedeckt. Nach aussen wird oft der emeritierte Papst Benedikt als Widersacher vorgeschoben, aber ich glaube nicht, dass dem so ist. Das unglueckliche Agieren Gaensweins im Zusammenhang der Veroeffentlichung des Sarah-Benedikt Buches hat nun mit grosser Wahrscheinlichkeit zu seiner „Beurlaubung“ beigetragen und seine bisherige Schluesselrolle in den innervatikanischen Auseinandersetungen deutlich gemacht.

Der eigentliche Hintergrund ist aber aehnlich wie im Film „Die zwei Paepste“ kein persoenlicher Konflikt, sondern einer der dahinterstehenden Kirchenbilder, den ich hier nur sehr vereinfacht darstellen kann:

Da gibt es die Kirche der Kulturkampf-Zeit: En vermeintlicher heiliger Rest schottet sich mit hohen Mauern gegen die boese Welt und ihren „Zeitgeist“ ab. Dagegen steht die Konzilskirche, die Bruecken baut zu dieser Welt, nicht um sie wieder beherrschen zu wollen sondern um in ihr „Samenkoerner“ des Lichtes zu entdecken und die frohe Botschaft von Jesus Christus im Dialog zur Sprache zu bringen.

Ich werde mich auch weiterhin mit aller Kraft und vor allem in meiner Praelatur fuer die Konzilskirche einsetzen.

Jesus hat sich zwar auch mit aller Deutlichkeit den Pharisaern entgegengesetzt, aber er hat dabei nie einen mit Namen angegriffen. Dies und die Schaerfe meiner Ausdruecke war mein Fehler und hat leider dazu beigetragen, dass die Presse den Konflikt der Kirchenbilder auf einen persoenlichen Konflikt reduzierte. Ich bitte Erzbischof Gaenswein und alle die ich damit verletzt habe um Entschuldigung und nehme meine Worte des „Nachrufs“ zurueck.

viernes, 14 de febrero de 2020

Die Traeume des Franziskus fuer Amazonien


Im nachsynodalen Schreiben „Geliebtes Amazonien“ beschreibt Franziskus den Glanz, das Drama und das Geheimnis des amazonischen Regenwaldes. Bei aller Nuechternheit behaelt er dennoch die Hoffnung und entwickelt 4 Traeume:

1.       Den sozialen Traum: Die Kirche und die Welt stellen sich auf die Seite der Armen und der Ureinwohner.

2.       Den kulturellen Traum: Die Kulturen der indigenen Bevoelkerung werden gehoert, wertgeschaetzt und geschuetzt. Ihre Symbole werden nicht als primitiv, Aberglaube oder Goetzenkult abgewertet.

3.       Den oekologischen Traum: Die Welt hoert den Schrei der Umwelt. Wir vereinfachen unseren Lebensstil damit die Wirtschaft nachhaltig wird, das bedrohte Oekosystem Amazonas und das gemeinsame Haus geschuetzt wird.

4.       Den kirchlichen Traum: Am Amazonas entsteht eine Kirche mit indigenem Gesicht, inkulturiert und mit neuen Leitungsaemtern fuer Laien, insbesondere Frauen. Es gibt wesentlich mehr verheiratete Diakone am Ort und andere Ortskirchen entsenden Missionare.

Fuer die Indigenen ist das eine traumhaft frohe Botschaft.

Fuer die Kirche im Amazonasgebiet ist dies eine Bestaetigung und Herausforderung zugleich.

Fuer einige habgierige Konzerne und Politiker ist das ein boeser Traum.

Fuer die konservativen kirchlichen Kreise haben sich ihre Albtraeume in Luft aufgeloest. Wenn sie allerdings das Dokument genauer lesen, wird ihnen so manches im Hals stecken bleiben.

Fuer die progressiven Kreise sind Traueme zerplatzt, weil Franziskus auf die letzten beiden Vorschlaege der Synode nicht eingegangen ist: die Weihe von Frauen zu Diakoninnen und die Zulassung von verheirateten Diakonen zum Priesteramt. Ich deute allerdings die Nichterwaehnung dieser Vorschlaege keinesfalls als ein endgueltiges Nein. Franziskus sieht vielmehr die Zeit dafuer noch nicht gekommen. Darueber kann man unterschiedlicher Meinung sein. In Suedamerika und speziell am Amazonas hatten diese Fragen nicht die erste Prioritaet. Und die uebersteigerten Erwartungen von aussen haben die ganz eigene Welt vom Amazonas noch viel zu wenig verstanden. Weltkirche bedeutet gerade auch das Wahrnehmen und Wertschaetzen von Unterschieden, das entspricht dem kulturellen Traum von Franziskus. Hier in Peru werden in den naechsten Jahren deutlich mehr verheiratete Maenner zu Diakonen ausgebildet werden. Und nichts in dem Text spricht dagegen, dass bei anhaltendem Priestermangel ein Papst einem Bischof dann als Ausnahmefall gestattet, einige dieser Diakone zu Priestern zu weihen. Auch fuer Frauen wird man kreativ neue Aemter schaffen muessen, so dass diese nicht mit der Weihe aber mit bischoeflicher Beauftragung Gemeinden leiten, taufen, und Liturgien vorstehen. Diese Liturgien muessen noch viel mehr inkulturiert werden.

In Peru kann ich kaum Enttaeuschung an dem Dokument wahrnehmen, aber Peru liegt ja auch etwas naeher am Amazonas als Deutschland. Ich kann nur jedem raten: Lies das Dokument gruendlich und picke Dir nicht nur einzelne Saetze heraus. Da steckt eine enorme Kraft drin.

viernes, 13 de diciembre de 2019


Rundbrief 31 zu Weihnachten 2019

Liebe Freunde in Deutschland
Nun bin ich schon ueber 2 Jahre Bischof in Caraveli. Ich versuche jeden Tag neu fuer die Armen in den Anden ein Ansprechpartner und Begleiter zu sein. Langsam wird die Kirche von Caravelí von einer pfarrerzentrierten Institution zu einem Hospital fuer seelisch Verwundete, die oft im Glauben und in der Tradition ihren einzigen Halt haben.
Von Januar bis April hat mich Kurt Faulhaber begleitet, den ich als 11 Jaehriger auf meinem ersten Ferienlager der Schoenstattjugend kennengelernt habe. Diesmal hat er mir geholfen, mit der pastoralen Schriftrolle zu arbeiten, was sowohl bei den Pfarrern und Ordensschwestern der Praelatur wie auch bei der Schoenstattfamilie gut ankam. Waehrend dieser Zeit schrieb Kurt kraeftig am Buch das gerade dazu erschienen ist: Michael Gerber u.a. „Pastral am Puls“, Herder-Verlag. Im Sinne des „praktischen Vorsehungsglaubens“ von Pater Josef Kentenich konnten wir uns mit dieser Methode ganz praktisch von Gott fuehren lassen, besonders bei der Erarbeitung des Jahresmottos der Praelatur: „Ausgesandt um die Menschen barmherzig zu begleiten“. Mehr als leiten wollen wir begleiten: die Armen in der Pfarrcaritas, die Katecheten bei der Gemeindeleitung, die Jugendlichen in ihren Gruppen, die Menschen in ihrer andinen Kultur und Denkweise.
Ein grosses Ereignis im Januar war die Pfarrmission in Caraveli, zu der 50 Laienmissionare der Schoenstattbewegung aus Argentinien und vor allem aus Lima angereist waren. Ebenso hat mich die Weihe des neuen Erzbischofs von Lima, Carlos Castillo, Ende Januar sehr begeistert. Da geht die Erneuerung der Kirche im Sinne von Papst Franziskus ganz kraeftig voran.
Im Mai war ich auf Heimaturlaub, wo ich eine gute Zeit mit meinen Geschwistern und meiner Mutter verbringen konnte, sie ist 85 geworden.




Seit Ende Oktober bin ich nun auf Firmreisen, von einer Pfarrei in die Andere. In manchen Pfarreien bin ich mehrere Tage, wir fahren auch auf die Doerfer zur Firmung, wenn es mindestens 10 Firmlinge sind. So kam ich auch zu meiner bisher „hoechsten“ Firmung, naemlich auf 4400m ueber dem Meeresspiegel. Es waren gerade einmal 14 Firmlinge in Negromayo, aber die Kapelle war so klein, dass wir die Feier davor auf dem Platz im Freien gemacht haben. Der Himmel war uns gut gesinnt, die heftigen Regenfaelle kamen erst 1 Stunde nach der Feier. Besonders beeindruckt haben mich in dieser Kapelle die Heiligenfiguren, denen die Glaeubigen eine Wollmuetze und Wollschal verpasst haben, was in dieser Hoehe halt einfach wichtig ist. Ausserdem bekam ich einen Chuyo, eine Wollmutze mit Ohrenklappen in violett, was die uebliche Bischosmuetze ganz wunderbar inkulturiert. Tja, so war ich 2 Monate lang am Firmen und zwischendurch nur einmal fuer ein paar Tage zu Hause in Caraveli, ein richtiges Nomadenleben.
Seit dem ersten September gibt es eine neue mexikanische Schwesterngemeinschaft in der Praelatur, 4 „Missionarinnen und Katechetinnen des Heiligen Josef“, sie helfen in Atico mit, sollen aber demnaechst die Pfarrei in Chaparra uebernehmen, wenn die Gemeinde das Schwesternhaus fertigstellt. Damit haben wir neben den „Seelsorgeschwestern aus Caraveli“ nun 3 mexikanische Schwesterngemeinschaften, eine davon (Familia in Corde Jesu) feiert gerade das silberne Jubilaeum ihrer Station in Lampa.
Eure Spendengelder wurden dieses Jahr fuer Projekte der Pfarrcaritas verwendet. 7 Pfarreien haben Projekte fuer bis zu 1500 Euro durchgefuert: Altenspeisungen, Kinderspeisung, Gemuesegaerten, Dachreparaturen bei Hagelschaeden.
Ich hatte gehofft, bei Adveniat mehr Unterstuetzung fuer Kirchenbauten und Pfarreifahrzeuge (unerlaesslich bei unseren weiten Entfernungen zu den Doerfern) zu bekommen bzw. beim Kindermissionswerk fuer Baumassnahmen an unseren 3 Pfarrschulen. Leider werden solche Proyekte immer weniger gefoerdert und die Wartelisten sind lang. Hoffentlich kann ich auf Eure Hilfe zaehlen. Diese Proyekte sind nicht meine, sondern die meiner 22 Pfarreien, und die Erwartungen an einen deutschen Bischof sind halt schon da. Es tut mir immer wieder weh, viele Erwartungen enttaeuschen zu muessen.
In meiner Gegend sind auch einige sozial-oekologische Konflikte ausgebrochen. Die Bauern stellen sich gegen die Mienen, oft mit gutem Recht, weil die Umweltbelastung meist nicht transparent kommuniziert wird und die soziale Verantwortung der Minen oft unzureichend ist. Allerdings gibt es auch jede Menge Kleinunternehmer, fruehere Angestellte der grossen Minen, die nur die grosse Miene weghaben wollen um dann dort Kleinstmienen zu errichten, die ueberhaupt keine Umwelt- und Sozial-auflagen beachten.
Die wirtschaftlich- politische Lage in Peru bleibt instabil. Der Praesident hat unter grossem Beifall der Bevoelkerung das weitgehend korrupte Parlament aufgeloest und Neuwahlen fuer Januar angesetzt. Dadurch blieben uns bisher die sehr gewalttaetigen und spontanen Massendemonstrationen in den Nachbarlaendern Ecuador, Kolumbien, Bolivien und Chile erspart. In der Justiz hat Peru grosse Erfolge im Kampf gegen die Korruption zu verzeichnen, aber innerhalb der Staatsanwaltschaft und der Gerichte herrscht eine Art Vernichtungskrieg, und der Ausgang ist noch offen.
Natuerlich habe ich die Amazonassynode sehr aufmerksam begleitet. Ich verstehe, dass es in Deutschland Enttaeuschungen gibt, weil es in der Zoelibats- und Frauenfrage keinen grossen Durchbruch gab. Aber das waren fuer uns hier halt eher Nebenthemen. Die wirklich wichtigen Themen am Amazonas sind in den 4 Bekehrungen drin, und da ging es sehr gut vorwaerts:
Oekologische Bekehrung - Pastorale Bekehrung – Kulturelle Bekehrung – Synodale Bekehrung.
Ich bin sicher, da werden wir noch einiges in der Region zum Weiterarbeiten haben und bin schon sehr gespannt auf das postsynodale Lehrschreiben von Papst Franziskus. Auch der deutschen Kirche wuensche ich einen guten synodalen Weg. Hoffentlich produziert er nicht nur Papier sondern auch konkrete Aenderungen im Leben, Bekehrungen eben.
Papst Franziskus hat vor wenigen Tagen ein wunderbares Lehrschreiben zur Weihnachtskrippe verfasst. Daraus einen Weihnachtsgruss an Euch alle:
Warum erstaunt und bewegt uns die Krippe so sehr? Vor allem, weil sie uns die Zaertlichkeit Gottes zeigt. Er, der Schoepfer des Universums beugt sich zu unserer Kleinheit hinab…
Die Krippe in ihrem franziskanischen Ursprung ist vor allem eine Einladung, die Armut zu „spueren“ und zu „beruehren“, die der Sohn Gottes in seiner Menschwerdung fuer sich gewaehlt hat. Und sie ist eine Einladung fuer uns ihm auf dem Weg der Demut, der Armut, des Hinabsteigens zu folgen, der vom Stall in Bethlehem zum Kreuz fuehrt. Es ist eine Einladung ihn zu finden und ihm barmherzig zu dienen in den beduerftigen Bruedern und Schwestern.
In diesen Sinne wuensche ich Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Ich werde es diesmal in meiner ehemaligen Pfarrei „San Antonio de El Estrecho“ am Putumayofluss im peruanischen Regenwald feiern.

Caraveli, 15.12.19                                                           Euer Bruder Bischof Reinhold Nann

Spenden koennt ihr ueber das uebliche Adveniatkonto schicken mit Vermerk „Praelatur Caraveli“.
www.reinholdnann.blogspot.com     r.nann@web.de                                                                                      

miércoles, 30 de octubre de 2019

Statement von Bischof Reinhold Nann zum Abschluss der Amazonassynode




1.       Was bringt die Synode fuer die Kirche am Amazonas?

1. Sie hat die 100 Vikariate, Praelaturen und Dioezesen im Amazonasgebiet geeint und bestaerkt. Dies war bereits in der zweijaehrigen Vorbereitungszeit zu spueren und wird konkret in einem neuen Organ der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz fuer Amazonien. Die Bischoefe sind mutiger geworden, gemeinsam neue Wege zu gehen.

2. Die Kirche wird noch staerker als bisher die Intereesen der Ureinwohner und der Umwelt vertreten. Eine kulturelle und oekologische Bekehrung ist im Gange.

3. Die Kirche wird sich noch staerker als bisher in die Welt der Amazonasvoelker zu inkulturieren versuchen: ihre Botschaft, ihre Liturgie und ihr Personal. Mision wird nicht mehr als Aufpfropfen europaeischer Denkweise verstanden sondern als interkultureller Dialog.

4. Die Kirche wird mehr Ureinwohner zu Diakonen ausbilden, einige davon koennten spaeter auch Priester werden. Es wird wohl eine Art Amt der “Gemeindeleiterin” geschaffen werden, das dem des Diakons weitgehend aehneln wird.

5. Daher sehe ich die Amazonassynode fuer uns hier in Suedamerika als eine ganz grosse Gnade an. Das einzige, was ich mir gewuenscht hatte, waere eine Wahlbeteiligung von Frauen gewesen, obwohl auch so ja alle Vorschlaege mit Zweidrittelmehrheit durchgegangen sind. Das synodale Moment war stark, sollte aber nicht am Ende allein auf Bischoefe beschraenkt bleiben.



2.       Was koennte die Amazonassynode fuer Deutschland und Europa bringen?

Die Synode war ein lokaler Prozess fuer eine lokale Kirche. Dennoch kann man davon lernen, wie man selbst aehnliche Prozesse in Europa gestalten koennte. Ich moechte hier nur ein paar Denkanstoesse geben. Gleichzeitig nervt mich die vorschnelle Kritik von vielen Europaern, die Amazonassynode habe nichts gebracht. Das ist  ein schrecklicher Eurozentrismus, den die Synode gottseidank ueberwunden hat. Wahrscheinlich ruehrt diese Kritik von ueberzogenen Erwartungen her.

11.      Die europaeische Kirche ist in Fragen des Umweltschutzes eigentlich schon viel weiter als die suedamerikanische. Eine staerkere Verzahnung des Engagements fuer die Umwelt und der Pastoral waere wichtig. Arbeitet fuer die oekologische Bekehrung der Kirche und der Staaten Europas.

22.     Europa hat keine wirklich wichtige Europaeische Bischofssynode. Da koenntet ihr vom CELAM einiges lernen. Ebenso war es das Netzwerk REPAM, das den Prozess der Synode ganz entscheidend vorbereitet und gepraegt hat. Ihr braucht eine synodale Bekehrung in Netzwerken.

33.    Die synodale Bekehrung in Europa muss sich mehr vom Heiligen Geist leiten lassen als von Strukturdebatten. Ihr muesst mehr auf euer Volk hoeren und in Momenten der Stille, auf Gott. Wenn es kein geistlicher Prozess wird, werden keine guten Fruechte hervorkommen.

44.    Laien und Frauen haben in der europaischen Kirche breits eine wichtige Bedeutung und das muesste weit mehr anerkannt werden. Die Amazonassynode geht hier bereits erste Schritte. Ich denke, es sollte eine Synode zum Amt in der Kirche nicht nur fuer Europa sondern fuer die Weltkirche geben. Hoffentlich noch, solange Franziskus im Amt ist.

55.    Seit der Amazonassynode bedeutet “Weltkirche” nicht mehr Uniformitaet des ewig Gestrigen. Teilkirchen duerfen jetzt auch eigenstaendige Wege gehen, selbstverstaendlich mit und nicht gegen den Papst.

66.   Der Heilige Oskar Romero hat gesagt, die Kirche kann nur erloest werden, wenn sie sich den Armen zuwendet. Die europaeische Kirche hat das teilweise bei den Fluechtlingen getan. Aber es gibt da in den Gemeinden noch viele Widerstaende. Keine Strukturreform wird euch die Erloesung bringen, nur die Armen werden erloest. Fuer sie ist die frohe Botschaft des Reiches Gottes. Diese Themen sehe ich nicht im deutschen synodalen Prozess. Zieht den Kreis nicht zu eng.

jueves, 5 de septiembre de 2019

¿Worum geht es bei der Amazonassynode?

Es ist eine Regionalsynode, an der ca. 120 Bischoefe dieser Region teilnehmen. Sie findet im Oktober 2019 in Rom statt, mit Beteiligung von Papst Franziskus, der vor 2 Jahren schon diese Synode angekuendigt hat. Sie wurde seither bestens vorbereitet, mit vielen regionalen Kleinsynoden die das Arbeitsdokument zu dem heutigen Instrumentum Laboris gemacht haben, das die Arbeitsgrundlage der Synode sein wird. Der Untertitel lautet bezeichnenderweise: „Neue Wege fuer die Kirche am Amazonas“. Der Lateinamreikanische Bischofsrat hat bereits 2005 in Aparecida Amazonien in den Blickpunkt genommen, daneben darf man vor allem die Enzyklika Laudato si als Grundlagendokument ansehen.

Kardinal Pedro Barreto aus Peru, Vizepraesident der Synode, sagt: Es geht bei der Synode darum, die Kirche zu „amazonisieren“ und die Welt zu „laudatosifizieren“.

Die Kirche amazonisieren: Es geht um eine „pastorale Bekehrung“. Die Kirche wird wirklich zur Amazonaskirche, indem sie in einen echten interkulturellen und interreligioesen Dialog mit den Amazonasvoelkern eintritt. In diesem Sinne muss man die Suche nach eigenen Formen der Verkuendigung, Liturgie und Aemtern in der Kirche verstehen.

Die Welt laudatosifizieren. Es geht um eine oekologische Bekehrung. Der Klimawandel braucht dringend eine uberzeugende Antwort. Die indigenen Voelker haben eine ganz eigene Art ihre Umwelt zu verstehen und zu schuetzen. Wir muessen sie gegen den wilden und seelenlosen Kapitalismus schuetzen. Mit ihrer animistischen Weltsicht koennen sie uns helfen, die spirituelle Dimension der Umwelt zurueckzugewinnen und damit das gemeinsame Haus besser zu schutzen.

miércoles, 14 de agosto de 2019

Interview zur Amazonassynode


1) Herr Bischof Nann, die Amazonas-Synode weckt im Vorfeld in vielen

Ländern Hoffnungen und Befürchtungen. Wie sehen Sie das?



Ich denke dass es in Europa viele ueberzogene Erwartungen und Befuerchtungen gibt. Die Amazonassynode ist kein allgemeines Konzil. Sie wird die Kirche nur besser fuer die Realitaet des Amazonasgebiets aufstellen. Europa muesste fuer seine Kirchenreform schon eine eigene europaische Synode machen. Sie ist und bleibt eine lokale Synode, allerdings was das Klima und den Umweltschutz betrifft, wird die Synode universal sein. Fuer mich als Bischof in Peru ist die Synode eine grosse Hoffnung: Die Kirche wird wirklich zur Ortskirche und kuemmert sich ganz konkret und direkt um die Menschen und die Umwelt, mit all ihren Problemen und das mit direktem Rueckenwind von Papst Franziskus.



2) Teilen Sie die Skepsis, die mehrere Kardinäle mit Blick auf das

Instrumentum laboris geäußert haben? Sehen Sie Korrekturbedarf?



Es ist schon eigenartig, dass diese Kardinaele alle keinerlei Bezug zum Amazonasgebiet haben. Und sie scheinen an spirituellem Alzheimer zu leiden. Das Instrumentum Laboris ist naemlich zum allergroessten Teil die Anwendung der Enzyklica Laudato Si auf ein konkretes Gebiet hin. Und diese Enzyklica ist schliesslich auch Teil des obersten kirchlichen Lehramts, wodurch manche dieser Kritiker unter Haeresieverdacht zu stellen waeren.



3) Trifft das Instrumentum laboris die Probleme der Menschen in Ihrer

Region?

Ja. Ich arbeite im Moment in den Anden, also nicht mehr im Amazonasgebiet. Aber die Quelle des Amazonas liegt in den Anden, keine 300km von meinem Bischofssitz entfernt. Und die Kultur der Andenbewohner ist in vielem denen der Amazonasbewohner aehnlich. Auch hier sind die Menschen arm aber sehr mit der Natur verbunden. Auch hier ist diese Natur von Minen bedroht. Auch hier herrscht ein eklatanter Priestermangel.



4) Welche Bedürfnisse und Nöte der Menschen im Amazonas sollte die Kirche

sorgfältiger in den Blick nehmen?



Kirche muss praesenter vor Ort werden. Es kann nicht sein, dass ein Dorfbewohner tagelang unterwegs sein muss um einen pastoralen Mitarbeiter der katholischen Kirche zu treffen.

Kirche darf sich nicht nur ueber die Sakramente definieren. Armut, Exklusión und Umwelt sind die Themen. Geht es um die “kleinen Leute”, so wie bei Jesus?



5) Was hat Ihnen während Ihrer Zeit als Pfarrer einer Amazonasgemeinde am

dringendsten gefehlt? Wären mehr viri probati eine Hilfe gewesen?



Meine Pfarrei hatte 37 Doerfer am Putumayofluss umfasst, auf 800km Laenge. In nur 3 Doerfern gab es ueberhaupt Katecheten und das weiteste Dorf war 4 Tagesreisen entfernt. Da kann man nur Feuerwehr machen. Ich haette zunaechst Geld und Personal gebraucht fuer die Schulung und Neugewinnung von Katecheten. Spaeter haette ich sie zu Kommunionhelfern und staendigen Diakonen gemacht. In meiner Pfarrei waren die Viri Probati noch nicht dran.  In manchen anderen Gegenden vielleicht schon. Es muessten Leute aus dem Dorf sein, Indigene, die auf ihren Dienst erst vorbereitet werden muessten.



6) Wünschen Sie sich für Ihre Territorialprälatur  eines Verstärkung des

Klerus als Lösung?



Ich habe einen jungen Klerus, der aber bei weitem nicht ausreicht. Meine Praelatur ist duenn besiedelt mit ueberwiegend armen Kleinbauern. Von 22 Pfarreien sind nur 15 besetzt und jede hat zwischen 10-50 Doerfer zu betreuen. Wenn ich mehr Priester haette, koennten sie von den mageren Einnahmen dieser Doerfer kaum leben. Ich brauechte also nebenamtliche Priester, die noch einen Zivilberuf haben. Die gibts aber nur verheiratet, bzw. zusammenlebend. Ich braeuchte also Viri Probati, Will es zunaechst einmal als Notloesung mit Katecheten und verheirateten Diakonen probieren. Allerdings gibt es auch da ein Problem: Es gibt nur wenige kirchlich verheiratete Laien.



7) Welche Maßnahmen könnten die Seelsorger im Amazonas entlasten und die

Seelsorge in Gemeinden verbessern, in denen sonntags oft keine Eucharistie

gefeiert werden kann?



Im Amazonas ist Eucharistie im Unterschied zum Andengebiet nicht wirklich von den Bewohnern gefragt. Ein Wortgottesdienst ist fuer die meisten genauso eine Messe. Nur wir Theologen meinen, die Eucharistie waere halt das Wichtigste. Zunaechst koennten gut ausgebildete Katecheten sehr gut den Priester ersetzen. Aber diese Katecheten sollten auch eine Art Amt haben, das ihren Dienst in den Augen der Mitbewohner legitimiert.



8) Welche Erfahrungen haben Sie mir der so genannten "indigenen Theologie"

gemacht? Welches Gewicht kommt ihr zu?



Das ist eine grosse Hoffnung fuer mich. Wer mit Indigenen arbeitet muss eine indigene Theologie vertreten und eine indigene Kirche aufbauen, sonst wird Kirche fuer die indigenen Voelker immer ein Fremdkoerper sein. Inkulturación  bzw. Interkulturalitaet ist die entscheidende Herausforderung fuer die Kirche heute. Bisher wurde die Inkulturation des Evangeliums und damit eine effektive Evangelisierung durch den Verweis auf die “Weltkirche” auch hier in Peru immer verhindert. Daher ist diese Theologie auch in Peru noch nicht mehrheitlich angenommen, aber sie ist im Kommen.



9) Ein deutscher Bischof erwartet sich von der Amazonas-Synode eine Zäsur

für die Kirche. So stehe die hierarchische Struktur der Kirche genauso auf

dem Prüfstand wie ihre Sexualmoral und das Priesterbild. Auch die Rolle der

Frau in der Kirche müsse überdacht werden. Wie denken die Gläubigen in

Ihrer Territorialprälatur? Was erwarten sie von der Synode?



Natuerlich sind diese Fragen irgendwie mit drin in der Amazonassynode, aber sie treffen nicht den Kern. Die Kirche war am Amazonas bisher schlicht unfaehig, ihre hierarchische Struktur praesent zu machen, ganz geschweige  ihre Sexualmoral. Die Leute leben ihre Moral nicht die kirchliche, was vor allem mit der ganz grossen Abwesenheit der Kirche in ihrem Leben zu tun hat.  Aber das ist kein grosses Thema bei uns . Hier geht es vor allem um Umwelt und Inkulturation. Die Rolle der Frau ist allerdings auch hier in Thema. Es wird ueber ein neues Amt fuer Frauen nachgedacht, eine Art “Gynakolytat”, das dem Diakon zumindest gleichgestellt waere. Wir erwarten eine Kirche, die sich den Armen ganz konkret annaehert, sie beleitet und bestaerkt und fuer die Mutter Erde prohetisch eintritt.

sábado, 29 de junio de 2019

Kommentar zum Brief des Papstes an das Volk Gottes in Deutschland


Zum Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Der Brief des Papstes kam fuer alle ueberraschend. Er ist als sein Beitrag zum „synodalen Weg“ in Deutschland zu sehen. Der Papst mischt sich ein, nicht bestimmend, nicht zurechtweisend sondern ermutiegend. Dabei gibt er keine Loesungen vor, zeigt aber Gefahren am Weg auf und macht so eine Weichenstellung, in welche Richtung wir auf dem Weg schauen sollten. Den Weg gehen und die richtigen Schritte tun, das muss die deutsche Kirche dann schon selber tun.

Nicht der erste Papstbrief an ein bestimmtes Land

Im letzten Jahr gab es zwei Briefe von Franziskus. Der erste am 31.5.18 an das Volk Gottes in Chile und der zweite am 20.8.18 an das Volk Gottes ganz allgemein. In beiden Briefen geht es um die Missbrauchsproblematik in der Kirche, im zweiten Brief wird zwar die USA nicht direkt angesprochen, aber der Ausloeser war doch klar die Missbrauchsstudie von Pensilvania. Im Brief an die deutsche Kirche wird zwar der Missbrauch nicht angesprochen, es ist aber doch klar, dass er der direkte Ausloeser der Krise ist, auf die der synodale Weg antworten moechte.

Synodalitaet als Grundprinzip

Der Papste freut sich ueber den synodalen Weg. Er warnt nicht vor dem Weg an sich, sondern vor gewissen Gefahren, die sich dabei ergeben koennten. Er praktiziert Synodalitaet bei seinen jaehrlichen Bischofssynoden im Oktober in Rom. Er entscheidet nicht alles selbst mit dem Heiligen Geist, sondern ist ueberzeugt, dass der Heilige Geist im gesamten Volk Gottes wirkt. Der Synodale Weg in Deutschland darf daher nicht nur eine Bischofssynode sein. Der Weg muss in den Pfarreien und Dioezesen beginnen, bevor die Bischoefe mit einigen Experten darueber beraten. Es ist wichtig, auf das Volk Gottes zu hoeren, nicht nur auf Statistiken und Wissenschaftler. Der Synodale Weg sollte also in den Pfarreien und Verbaenden beginnen.

Strukturreformen greifen zu kurz

Wir Deutschen werden zwar gelobt als gute Organisierer, aber es wird auch klar festgestellt, dass rein technische Strukturreformen (wie sie zur Zeit ja in vielen Dioezesen zaehneknirschend durchgefuehrt werden) nur kurzzeitige Erleichterung bringen, ohne das Problem loesen zu koennen. Und die Loesung liegt auch nicht in radikalen kirchlichen Reformen bei den „Reizthemen“ Zoelibat, Frauenpriestertum und Sexualmoral. Das darf auf keinen Fall ausgeklammert werden, aber man darf sich davon nicht allzu viel fuer die langfristige Loesung der Krise in einer „Zeitenwende“ versprechen.

Der synodale Weg geht nicht nach vorwaerts oder rueckwaerts sondern nach oben und unten

Noch immer ist die deutsche Kirche in das konservative und progressive Lager gespalten, auch wenn das letztere klar im Aufwind ist. Der Papst stellt klar, dass ein Weg zurueck nach einem Modell der Kirche von fruehren Zeiten nicht geht. Aber ebensowenig nuetzt es, einfach alles ueber den Haufen werfen zu wollen, was in der gegenwaertigen Gesellschaft nicht verstanden wird, das waere „Verweltlichung“, Einebnung des kritisch prophetischen Potentials des Evangeliums. Der Papst insistiert in einem dritten Weg, dem geistlichen Weg. Wir muessen uns zwar die konkrete Realitaet ganz genau anschauen, aber dann alles von „oben“ vom Geist Gottes her erwarten. Wir koennen die Loesung nicht einfach „machen“, sie wird nicht in Kampfabstimmungen erreicht sondern im Hinhoeren auf Gott. Die entscheidende Frage dieses geistlichen Prozesses wird sein: „Was will uns der Geist Gottes in dieser Situation sagen?“. Glauben wir ueberhaupt noch daran, dass Gott auch heute spricht, in den Ereignissen, in den Noeten der Menschen? Haben wir die Methoden, geistlich hinzuschauen und hinzuhoeren oder sind unsere Methoden gaenzlich intellektuell-wissenschaftlich gepraegt? Auch da koennte eine blinde Stelle im deutschen Katholizismus liegen. Nach unten schauen, auf die Realitaet der Notleidenden, und dort die Stimme Gottes hoeren, die von oben kommt.

Geistliche Unterscheidung und Pastorale Bekehrung

Der Papst stellt nicht die Machtfrage: Ich habe recht, weil ich der Papst bin. Nein er ermutigt uns Deutsche, selbst taetig zu werden im Sinne eines geistlichen Unterscheidungsprozesses. Das sollte auf der untersten Ebene bei den Pfarreien beginnen, sich in den Dioezesen fortsetzen und schliesslich auf nationaler Ebene gebuendelt werden.

Der Reformprozess des synodalen Weges muss bei einer „pastoralen Bekehrung“ ansetzen. Dieses Wort ist ein Schluesselwort in dem Lehrschreiben Evangelii Gaudium, auf das sich der Papst immer wieder bezieht. „Conversión Pastoral“ wurde in der Deutschen Ausgabe mit „Neuausrichtung der Seelsorge“ uebersetzt, was die eigentliche Bedeutung geradezu straeflich verwaessert. Bekehrung ist viel grundsaetzlicher als Neuausrichtung. Sie ist das Eingestaendnis, dass wir bisher etwas ganz falsch gemacht haben. Es geht darum nicht mehr den Selbsterhalt der kirchlichen Organisation als oberste Maxime zu setzen, sondern die Noete und Sorgen dieser Welt zu sehen, und vom Evangelium her versuchen, darauf eine Antwort zu geben. Die deutsche und die universelle Kirche muss eine missionarische Kirche werden, die die Umwelt und die Armen ihrer Gesellschaft besonders im Blick hat. 


Auf diesem Weg gilt es auch Spannungen aushalten zu lernen. Gerade in diesen Spannungen ruft uns der Heilige Geist, nicht vorschnelle Loesungen zu suchen sondern auf das Evangelium zu hoeren. 

Lasst uns den Synodalen Weg im Gebet um den Heiligen Geist beginnen.

Caravelí, 29.06.19           Reinhold Nann, Bischof von Caravelí

Der Autor hat 9 Jahre  als Priester in der Erzdioezese Freiburg  und 23 Jahre als Missionar in Peru gearbeitet.