viernes, 10 de febrero de 2017

Partnerschaft in Iquitos


Heute war ich in Sachen Partnerschaft in Iquitos unterwegs: Aus der Erzdioezese Freiburg gibt es 2 Partnerschaften mit Pfarreien des Apostolischen Vikariats von Iquitos:

  1. St. Konrad in Villingen -                                              San José in Iquitos
  2. Hl Dreifaltigkeit und Hl. Kreuz in Wiesloch -     Santa Rita de Cassia in Castilla (Marañon)

Ich habe zuerst Padre Angel Saboya aufgesucht. Er ist 75 Jahre alt, seit 50 Jahren Priester, vielleicht der erste  Dioezesanpriester aus Iquitos. Er ist so etwas wie nationaler Geistlicher Leiter der JEC (Katholische Studierende Jugend) und hat in seinem Alter ein faszinierend gutes Verhaeltnis zu den Jugendlichen: Sie nennen ihn liebevoll “Shameco”, was so viel wie “Einfaltspinsel” bedeutet, aber irgendwie klingt es auch nach “Schamane”. Ich traf ihn beim Nationaltreffen der JEC, zusammen mit ca 50 Jugendlichen. Er war lange Pfarrer in San José, kann sich sehr gut an die Partnerschaft erinnern und war selbst auch schon mehrmals in Villingen. Ueber ihn kam ich dann in die Pfarrei San José, eine Pfarrei am Stadtrand von Iquitos und doch nur 10min vom Stadtzentrum entfernt. Dort traf ich auf einen engagierten Laien, Gustavo Chong, der frueher selbst Leiter des Partnerschaftskreises war, diese aber jetzt an Veronica Armas abgegeben hat. Er erzaehlte mir, dass der Kreis existiert und sich auch monatlich trifft. Es gibt wohl staendigen e-mail Kontakt zwischen den Mitgliedern. Die Unterstuezung aus Deutschland kommt vor allem z.Zt. 9 Jugendlichen zugute, denen ein Universitaetsstudium ermoeglicht wird. Pfarrer ist Juan Jose Castillo, im Moment leider in Urlaub.

Dann habe ich im Vikariat die Auskunft bekommen, wegen Santa Rita de Cassia koennte ich Pfr. Miguel Angel Cadenas aufsuchen, ein Augustiner der 20 Jahre dort Pfarrer war und jetzt die Pfarrei La Inmaculada in Punchana leitet. Das war ein sehr interessanter Besuch. P. Miguel Angel ist Spanier und ist ein ausserordentlicher Kenner der Kultur und der Menschen am Amazonas. Er glaubt nicht, dass die Eingeborenen sich laengst an die westliche Kultur angepasst haben, nein sie haben sich die westliche Kultur einverleibt ohne je aufgehoert zu haben, Eingeborene zu sein. Wie ein Tiger holt er sich alles Fremde gerne und mit grosser Offenheit an sich heran, vielleicht frisst er es in sich hinein, aber er bleibt ein Tiger. Dafuer spricht, dass in der 400.000 Einwohner Stadt Iquitos alles nach westlichen Maasstaeben abzulaufen scheint,  es aber eine Unmenge von Schamanen gibt, die weiterhin von sehr vielen aufgesucht werden in ihren Krankheiten und Problemen. Ich habe ihm fasziniert zugehoert. Vielleicht wird ein wenig deutlich, dass die Menschen hier nicht sehr begrifflich denken, eher symbolisch-mythisch.

Der jetzige Pfarrer von Santa Rita ist erst seit kurzer Zeit dort, er ist auch Augustiner. Leider sind auch die Schwestern nicht mehr dort, die bisher auch in der Partnerschaft engagiert waren. Es wird wohl noetig sein, mit dem neuen Pfarrer P. Luis Fernandez in Kontakt zu kommen. Santa Rita de Cassia ist ziemlich entfernt von Iquitos. Man fahrt zunaechst mit dem Bus nach Nauta (ca 2Std). Dort fahren um 6Uhr morgens Rapidos (Schnellboote) in ca 5 Std nach Santa Rita (frueher gings 3 Tage).

viernes, 23 de diciembre de 2016

Rundbrief 26 Weihnachten 2016


Abschied und Neubeginn

Wie ich in meinem letzten Rundbrief vom Maerz ja schon ausfuehrlich beschrieben habe: der Amazonas hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen. Ich war im Februar/ Maerz fuer 5 Wochen dort, um zu schauen, ob ich das Klima und die Lebensbedingungen dort aushalte, und es ging. Ich bin zwar auch schon 56 Jahre alt, fuehle mich aber noch fit fuer ein neues Abenteuer.

Im September vor 25 Jahren bin ich in Lima angekommen und war 5 Jahre in San Conrado. Eine spannende Zeit am Ende des Terrorismus, Gemeindeaufbau in Elendsvierteln, die heute schon richtige Vorstaedte und Geschaeftsviertel sind.

Dann war ich 5 Jahre in St. Konrad und Elisabeth in Freiburg und habe das Zusammenwachsen zweier Pfarreien begleitet.

Seit Januar 2002 war ich in der Erzdioezese Trujillo, zuerst 6 Jahre am noerdlichen Stadtrand in La Esperanza, wo ich wieder eine sehr lebendige Pfarrei in der Wueste geleitet habe. Zusaetzlich war ich auch ein paar Jahre Generalvikar im Nordteil der Dioezese.

Dann war ich 5 Jahre Pfarrer in Santiago de Chuco, in den Anden gelegen. Auch das war ein Neuanfang: Die Kultur der Anden ist ganz anders, ich vermisste die jugendlichen Katecheten…. Aber auch dort bin ich mit der Zeit heimisch geworden und habe sehr gerne dort gearbeitet.

Gegen Ende der Zeit in Santiago gab es eine Krise in der Schoenstattbewegung, in die sich der Erzbischof von Trujillo auf unkluge Weise eingemischt hat. Ich bin dann deswegen wieder in die Stadt Trujillo gegangen, um von der Pfarrei in Alto Moche aus auch das Schoenstattheiligtum und die Bewegung in Trujillo mitbetreuen zu koennen. Inzwischen ist die Krise ueberwunden, aber meine innere Distanz zum Bischof wurde zu gross. So habe ich mich dann nach etwas anderem umgeschaut. Und als der Weihbischof von Trujillo Mons. Javier Travieso in San José del Amazonas Bischof wurde, tat sich da eine interesante Tuer auf.

Im Juni war ich auf Besuch in Deutschland und habe mit Erzbischof Stefan Burger ueber meine Plaene im Amazonas gesprochen und bin auf offene Ohren gestossen. So wuchs dann langsam die Entscheidung, jetzt im Februar an den Amazonas zu gehen.

Es ist keine leichte Entscheidung gewesen, denn dieser Teil Perus ist nocheinmal eine ganz eigene Welt. Und die kirchlichen Strukturen dort sind noch weitaus schwaecher: Es gibt dort keine Dioezesen, nur apostolische Vikariate, und das von “San José del Amazonas” ist erst 1945 errichtet worden. Dort fehlt kirchliches Personal noch sehr viel mehr, und viele Pastoralbesuche auf den Doerfern finden nicht statt, weil die Transportkosten zu hoch sind (Es gibt dort keine Strassen, die Fluesse sind der einzige Verkehrsweg).

Ich denke mit meinem Gehalt aus Freiburg, der Unterstuetzung von Adveniat und einigen von Euch, dort so manches machen zu koennen.


Im Mai ist mein Vikar Segundo F. abgezogen worden, er ist eigentlich eher Kooperator als Vikar, denn er ist in meinem Alter. Ploetzlich tauchte von einem ehemaligen Priesteramtskandidaten eine Anklage auf sexuellen Missbrauch durch ihn auf, dies sei vor 20 Jahren passiert. Er wurde sofort vorsorglich vom Dienst suspendiert, eine bischoefliche Komission hat Voruntersuchungen angestellt und den Fall vorschriftsgemaess nach Rom weitergeleitet. Nach 6 Monaten Ermittlung hat der Staatsanwalt die Untersuchung aus Mangel an Beweisen eingestellt. Aus Rom wartet er immer noch auf eine Antwort. Alles deutet eigentlich eher auf einen Racheakt dieses ehemaligen Seminaristen hin, aber natuerlich muss der Fall gruendlich geklaert werden, um moegliche weitere oder gar zukuenftige Opfer zu schuetzen. Aber was ist, wenn der Angeklagte selber das Opfer waere? Pfarrer bekommen hier ja kein Gehalt, sie leben hauptsaechlich von den Dienstleistungen (v.a. Messen), und genau die sind ihm ja jetzt untersagt…

Im Juli dieses Jahres war meine Schwester Martina mit Familie bei mir zu Besuch. Sie waren in Cuzco, Trujillo und Iquitos. Es war eine gute gemeinsame Zeit und viele Leute hier haben sich sehr gefreut, Familienangehoerige von mir kennenlernen zu koennen.

Ich werde immer mehr zum Fan von Papst Franziskus. Sein Einsatz fuer eine arme Kirche unter den Armen ist auch meiner. Sein Ruf mehr an die Periferíen zu gehen, treibt mich an. Die Schreiben Evangelii Gaudium, Laudato si und Amoris Laetitia sind mir aus dem Herz gesprochen.

Der November stand im Zeichen der Katechese: Erstkomunion und Firmfeiern in der Pfarrei. Das heisst fuer mich vor allem Proben und Beichthoeren. Viele Kommunionkinder machen jetzt im Dezember bei den Herbergssuchen mit: eine Art Sternsinger, man singt Weihnachtslieder an den Krippen der Familien. Viele Firmlinge machen beim Krippenspiel mit, das jetzt am 24 aufgefuehrt wird.

Jetz steht noch ein anstrengender Monat des Verabschiedens vor mir. Bin mal gespannt, wieviel Kilo ich zulege, auch hier geht Liebe oft durch den Magen.

Am 5 Februar geht dann mein Flug nach Iquitos und von dort mit dem Boot nach Indiana.Ich soll zunaechst von dort aus die ca 4 Stunden entfernte Pfarrei in Francisco de Orellana aufbauen. Orellana hat nur ca 900 Einwohner, aber viel Doerfer drumherum. Es liegt an der Muendung des Napo in den Amazonas, von daher auf Google schnell zu finden.

Ich denke dass meine elektronischen Verbindungen weiter genutzt werden koennen, wenn auch das Internet nicht ueberall und auch nicht so schnell ist: r.nann@web.de face: Reinaldo Nann,  Handy und whatsapp: 0051969961661

So wuensche ich allen ein Frohes Weihnachtsfest und ein Gesgnetes Neues Jahr.

Betet fuer mich und lasst Euch von Gott ueberraschen.

Euer                                                                                                                                    Pfr. Reinhold Nann

lunes, 7 de marzo de 2016

Die Kirche am Amazonas kennenlernen


Nachdem ich fast 20 Jahre an der Kueste und in den Anden Perus Pfarrer war, hat mich die Neugier gepackt, wie die Kirche im peruanischen Urwald funktioniert. Immerhin umfasst der Urwald ca. 2/3 des peruanischen Staatsgebietes, obwohl hier nur ca.10% der Einwohner leben. Bischof Javier Travieso, der zuvor Weihbischof in Trujillo war, ist jetzt seit einem Jahr apostolischer Administrator des Vicariats “San José del Amazonas” und hat mir eine fuenfwoechige Erfahrung in Indiana (bei Iquitos) zwischen Februar und Maerz 2016 ermoeglicht.
Ein Flugzeug bringt mich von Lima aus in knapp 2 Stunden nach Iquitos. Der Bischof selbst holt mich am Flughafen ab und wir fahren mit einem Mototaxi (eine Art motorisierter Rikscha) in 15 Minuten zum Zentrum des Vikariats nach Punchana/Iquitos. (Ein Vicariat ist eine Art Missionsdioezese. Wegen fehlendem einheimischen Klerus wird es einer Ordensgemeinschaft anvertraut). Hier gibt es ein grosses Gaestehaus fuer Missionare und Gaeste, Bueros, eine Katechesezentrum, ein Zentrum fuer Bibelstudien, die ODEC (zustaendig fuer Religionslehrer), eine Krankenstation, ein Haus fuer Ordensschwestern und eines fuer Laienmissionare, fast wie ein kleiner Vatikan.
Der Bischof residiert hauptsaechlich hier, obwohl der Ort in der Nachbardioezese Iquitos liegt, aber es ist einfach verkehrsmaessig sehr viel zentraler. Das Klima ist warm und feucht, wenn es nicht gerade regnet ist man staendig am schwitzen. Die Mosquitos im Haus und selbst in der Stadt halten sich tagsueber sehr zurueck, am Abend ab 17Uhr muss man sich spaetestens schuetzen.
Etwas zur Geschichte
Im Amazonas gab es eingeborene Stammeskulturen (Jaeger und Sammler), vergleichbar mit den wenigen verbliebenen heutigen Staemmen,  mindestens seit 1500 vC. Die Staemme sind Gruppen von Familien, geleitet von einem Patriarchen. Dieses Amt uebt der Beste aus, es ist nicht erblich. Es herrscht das Prinzip der Beteiligung und der Gegenseitigkeit. Tradition wird ueber Mythen und Geschichten weitergegeben. Der Schamane oder Heiler uebt eine wichtige Funktion aus.  
Francisco de Orellana entdeckt den Amazonas, nur 20 Jahre nach der Ankunft der Spanier an der peruanischen Kueste unter Francisco Pizarro. 1683 kommen die Jseuiten aus Quito, die mit 13 Reduktionen die Provinz Maynas begruenden. Eine Reduktion ist ein von Ordensleuten geleiteter Bezirk, in den sonst keine Europaer Eintritt haben und die Indios so vor Ausrottung schuetzt. Die Missionare lehren auch Ackerbaumethoden der Anden und aus Europa. Trotzdem gab es Rebellionen und 6 Jesuiten fanden den Tod. 1769 wurden der Jesuitenorden und seine Reduktionen aufgeloest. Nun kommen Geschaeftsleute und Agrarunternehmer, die zunaechst im “hohen Urwald” Kaffee und Coca anbauen, sowie Viehzucht betreiben und sich nach und nach auch am Rande des Amazonas und seiner Zufluesse ausbreiten. Gut 100 Jahre lang gibt es in dieser Zone ueberhaupt keine kirchliche Praesenz mehr.
Von 1880 bis 1914 bricht eine Art Goldrausch am Amazonas aus: Es herrscht ein grosser Bedarf weltweit nach Kautschuk und fast nur hier rinnt dieses Harz von den Bauemen. Die Indios wurden gezwungen, eine bestimmte Menge taeglich abzuliefern und praktisch versklavt. Die nicht-indianische Bevoelkerung nimmt rasant zu: von 18.000 im Jahr 1876 auf ueber 120.000 in 1920. Dann geht der Spuk ploetzlich zuende, weil es den Englaendern gelungen ist, den Kautschukbaum  in Plantagen in Asien heimisch zu machen. Der Preis verfiel, viele Auslaender kehren zurueck,
In dieser schwierigen Kautschukzeit kehrt auch die Kirche wieder nach Iquitos zurueck. 1901 wird die Praefektur San Leon del Amazonas begruendet und den spanischen Augustinern uebergeben. 1945 wird dann das Vikariat San José gegruendet, den kanadischen Franziskanern uebergeben,  und von Iquitos abgetrennt.  .
Ab 1970 ereignen sich 3 wichtige Phaenomene am Amazonas, die bis heute nachwirken: 1. Bei Iquitos werden Oelvorkommen entdeckt, abgebaut und mit Pipeline ueber die Anden an die Kueste gepumpt. Die Erdoelsteuer ist heute die wichtigste Einnahme der Gemeinde- und Bezirksverwaltungen. Das hat Arbeitsplaetze geschaffen, aber auch Umweltbelastung und Zerstoerung von Familien. 2. Fast gleichzeitig wurde die Cocapflanze nun als Rohstoff fuer Kokain entdeckt. Das hat riesige neue Anbauflaechen im “hohen Urwald” geschaffen mit der entsprechenden Kriminalitaet der Drogenhaendler, die auf dem Amazonas nach Kolumbien und Brasilien gelangen. 3. In den 80er Jahren taucht die Terrororganisation Sendero Luminoso auf.

Der “Exodus” der Kirche am Amazonas
Die Kirche ging nicht weg, hat aber einen entscheidenden Veraenderungsprozess durchgemacht. Sie will nicht mehr nur taufen und Katechese machen sondern sich wirklich am Amazonas und auch bei den Ureinwohnern inkulturieren. Mit dem 2.Vatikanum (1962-65) begann ein Prozess der Veraenderung in der Gesamtkirche. Die Abteilung Mission des Lateinamerikanischen Bischofsrates lud 1971 zu einem “Transamazonischen Missionskongress” in Iquitos ein. Dieses Treffen von Bischoefen, Missionaren, Soziologen und Antropologen hat zu einer neuen Sichtweise gefuehrt. Das Schlussdokument Nr. 32 sagt: “Die Kirche entscheidet daher, selbst amazonisch zu werden, sich mit diesen Voelkern, zu denen sie gesandt ist, zu solidarisieren und sich in ihre Kulturen, Riten, Aemtern und Strukturen  zu inkulturieren.
Ab da gab es eine Serie von internationalen und nationalen Treffen zur Urwaldpastoral und es wuchsen folgende pastorale Linien heraus:
-          Eine differenzierte Pastoral fuer Stadtbewohner, Uferbewohner und Eingeborene.
-          Dem Urwaldbewohner zuhoeren, seine Sprache und Gewohnheiten wertschaetzen, nicht mehr das “Heidnische” abwerten, sondern es zu integrieren versuchen, als Basis fuer die Verkuendigung verwenden
-          Einheimische Katecheten und Gemeindeleiter ausbilden
Tatsaechlich hat diese neue Pastoral Fruechte bis heute gezeigt: Es gab einige Missionare, die wirklich mit den Eingeborenen gelebt haben, die deren Rechte verteidigt haben sowie Gesundheits- und Entwicklungsproyekte angestossen haben. In der Uferpastoral konnten viele Gemeindeleiter gewonnen werden. Die Pastoral in den Staedten funktioniert dagegen aehnlich wie in den Anden oder den Staedten der Kueste. Es gibt eindrueckliches katechetisches Material, in dem die Bruecke von der traditionellen Stammesreligion zum Christentum geschlagen wird.
Die Rechte der Dorfbewohner im Urwald zu schuetzen, bedeutet auch die Umwelt zu schuetzen. Der Urwaldbewohner, der sich noch nicht vom staedtischen Profitdenken angesteckt hat, schuetzt seine Mutter Erde, die ihm Wohnung und Nahrung gibt.
Dennoch gibt es auch grosse Probleme: Die Staemme loesen sich langsam auf, die Sprache und Identitaet verschwindet im Migrationsprozess. Die Stadt mit ihrer Konsumkultur ist ein Magnet. Die Verschmutzung des Amazonas durch Oel- und Goldsucher nimmt zu. Evangelikale Gemeinden breiten sich aus und katholiche Gemeinden duennen sich aus. Auslaendische Missionare (und ihre Finanzen) nehmen rasant ab. Der einheimische Klerus ist noch ganz gering und kann sich nicht selbst finanzieren
Einige Daten des Vikariats San José
Auf einem Gebiet von 150.000 Quadratkilometern leben 150.000 Menschen. Dieses Gebiet hat Grenzen mit 3 Nachbarlaendern: Ecuador und Kolumbien im Norden und Brasilien im Osten. Es gibt 16 Missionsposten oder Pfarreien, aber nur 11 Priester, davon nur 3 einheimische. Die Haelfte der Pfarreien wird von Ordensschwestern oder Laien geleitet. Jede Pfarrei hat auf hunderten von Kilometern Seeweg 60 bis 100 Doerfer zu versorgen. (Es gibt keine Strassenverbindungen zwischen den Doerfern). Zu manchen Doerfern geht die Fahrt ueber mehrere Tage. Frueher hatten die Missionare ihr eigenes Boot, heute gibt es sehr viele oeffentliche Schnellboote.
Jedes Jahr gibt es eine Art Pastoralversammlung ueber 6 Tage, zu der alle Priester, Ordensschwestern, Laienmissionare (Mexikaner und Polen)  und 3 Gemeindeleiter pro Pfarrei kommen. Hier wird die Pastoral ausgewertet und fuer das neue Jahr geplant. Jede Pfarrei bildet ausserdem ihre Katecheten und Gemeindeleiter aus (meist zweimal im Jahr). Die Eingeborenenpastoral scheint keine eigene Koordination zu haben.

Wie leben die Leute?
Im Stadtzentrum von Indiana gibt es nur wenige Backsteinhauser. Die Mehrheit wohnt in Holzhauesern, am Wasser entlang stehen diese auf Pfaehlen, da der Wasserspiegel schwankt. Es gibt kaum Mueckengitter an den Fenstern, aber ueber der Matratze oder Haengematte schon. Die Daecher sind meist aus Wellblech, der Boden aus Holzbrettern oder Zement.
Einige arbeiten fuer die Gemeindeverwaltung oder den Staat, es gibt Haendler und Mototaxis (ca 50!) Viele haben ein Feld und fischen. Fast alle haben Handys, es gibt sogar free W ifi auf der Plaza, aber langsam. Es gibt einen Stromgenerator fuer alle, nachts von 12 bis 6am wird er abgeschaltet.
Auf den Doerfern am Ufer der Fluesse gibt es meist eine Grundschule und eine Art Dorfapotheke. Alle leben von Landwirtschaft (Reis, Yuca, Bananen) und Fischfang. Die Haueser sind aus Holz mit Palmdaechern. Es gibt keinen Strom, selten Trinkwasser und kein Handy. Wenige haben Solarstrom. Meist gibt es einen Laden.
¿Was mache ich hier in Indiana?
Indiana ist eine Kleinstadt mit knapp 3000 Einwohnern, Sitz des Distrikts mit nocheinmal 5000 Menschen, die in Doerfern am Ufer wohnen. Das Zentrum des Vicariats ist gross, ca 100 koennen hier uebernachten. Im Moment wird die Pfarrei vom Nachbarpfarrer in Mazan mitverwaltet, der mit seinem Motorrad in 15 min hier sein kann
Jetzt ist Ferienzeit, sodas gerade nicht viel los ist in der Pfarrei. Der Nachbarpfarrer (ein Einheimischer) ist an Malaria erkrankt (er ist in Behandlung)und ganz froh, dass ich ihm die Gottesdienste abnehme.
 Ich war zweimal in Mazán und Aucayo (Nachbarpfarreien). Nach Aucayo, das ca. 2 Stunden von Indiana entfernt ist – man faehrt ueber Iquitos- hat mich Schwester Jean mitgenommen, eine kanadische Ursulinin. Einmal zu einer Krankensalbung und das andere Mal zu einer Hochzeit, weil der dortige Pfarrer  gerade in Lima ist. Jean ist ueber 80 Jahre alt, seit 1962 am Amazonas.
Sonntags zelebriere ich 2 Messen in Kapellen von Indiana (die haben sonst Wortgottesdienste) und die Gemeindemesse am Abend. Das ist die einzige Sonntagsmesse in dieser “Kathedrale”.
An den Wochentagen habe ich vormittags meist Zeit zum Beten, lesen und studieren. An den Nachmittagen besuche ich Familien mit dem Bild der Pilgermuttergottes. In zwei Zonen haben mich die Gemeindeleiter begleitet und die Familien vorher ausgesucht. Wir beten, ich segne das Haus und wir sprechen ein wenig, so lerne ich eine ganze Menge Leute kennen. Am Abend dann die Messe in der Pfarrei, zu der manchmal nur 3-5 Leute kommen. Ich werde an der Pastoralversammlung teilnehmen und an 3 Tagen  zukuenftigen Religionslehrern Vortraege halten.
An das Klima habe ich mich schnell gewoehnt. Moeglichst wenig bewegen, um nicht noch mehr zu schwitzen heist die Devise. Wenn es regnet und in der Nacht sind die Temperaturen angenehm. Die Muecken sind schon ein Problem, in der Stadt hauptsaechlich ab 5Uhr abends. Die Mueckenschutzcreme haelt leider nur ca 2 Stunden an. Nach 10 Tagen hatte ich ploetzlich viele Stichwunden unter den Socken, das waren aber eine Art Minizecken (Isangos), gegen die es kein Mittel gibt. Ich musste zum Arzt, der mir jedoch gleich helfen konnte.
In dieser Jahreszeit regnet es heftig und viel. Das laesst die Fluesse ansteigen.
Die Religiositaet im Urwald
Der hautnahe Umgang mit der Natur laesst den Menschen im Urwald Gott als Schoepfer und Ursprung allen Lebens verstehen. Fuer ihn haben alle Tiere und Pflanzen eine Seele, menschliche, tierische und pflanzliche Seelen koennen sich ineinander verwandeln. Aber das Leben im Urwald produziert auch Aengste: Da soll es den Tunchi (boesen Geist) und Verhexungen geben. Es gibt Zauberer (Schamanen). Traeumen wird eine grosse Bedeutung beigemessen.
Die Mehrheit ist getauft, aber der biblische Glaube ist nur schwach entwickelt. Viele haben keinerlei Kontakt zur Kirche. Ein gewisser katholischer Volksglaube ist da, aber viel schwaecher als im Andenraum: Glaube an das Weihwasser, sich bekreuzigen, einen Rosenkranz zum Schutz um den Hals haengen… Totenmessen und Prozessionen spielen weniger eine Rolle.
Auch wenn die Leute die alten Stammesreligionen laengst nicht mehr praktizieren, ist noch viel von der Naturrelgion zu spueren. Nach wie vor hat der Schamane eine wichtige Rolle, vor allem bei Krankheiten, selbst bei Menschen in der Stadt. Evangelisieren bedeutet hier heute nicht mehr die Naturreligion ablehnen sondern in ihr Anknuepfungspunkte fuer christliches Denken suchen. Das bedeutet, diese Kultur ersteinmal kennenlernen und wertschaetzen.  In diesem Prozess muss manches christliche neu formuliert werden, mit der Zeit auch die Gebete und Liturgie, wobei ich da kaum Innovation mitbekommen habe.
Ausser der Taufe gibt es kaum sakramentales Leben. Einige wenige in der Stadt gehen zur Kommunion oder heiraten. Auf dem Dorf sind diese Sakramente meist erst im Sterbefall aktuell.
Sehr viele Doerfer haben einen Gemeindeleiter oder Katecheten, der Sonntags auch eien Wortgottesdienst haelt. Allerdings ist die Zahl der Teilnehmenden oft auch sehr gering, der Sektenprediger hat meist mehr Zulauf.
An die Periferíe gehen
Geographisch ist dieses Vikariat mit Sicherheit das abgelegenste, schliesslich grenzt es an 3 Nachbarstaaten an. Die Distanzen sind enorm (Die Grenze nach Kolumbien am Fluss  Putumayo ist ca 1000km lang). Der einzige Verkehrsweg sind die Fluesse, manche Orte werden auch mit dem Wasserflugzeug angefahren, aber zu ziemlich hohen Preisen. Es gibt viele Krankheiten (Magen Darm: Hepatitis) und tropische: Dengue, Gelbfieber und Malaria). Der Staat und die Kirche glaenzen in den weiter entfernten Orten durch ihre Abwesenheit
Dennoch ist es gerade hier, wo die Kirche versucht ihre Option fuer die Armen zu leben. Hier geht sie an die Raender, wie Papst Franziskus das sagt.
Dazu braucht sie sehr viel mehr Missionare, auch Laien, die bereit sind, sich auf diese Bedingungen  und Menschen einzulassen. Die bereit sind zu lernen und die Menschen, so wie sie sind, anzunehmen. Misereor und Adveniat unterstuetzen hier Gott sei Dank viele Projekte.
Der Amazonas braucht unser Gebet und unsere Unterstuetzung

Indiana, Maerz 2016                                                                     Pfr  Reinhold/Reinaldo Nann

martes, 23 de junio de 2015

Rundbrief 23 (Juni 2015)


Rundbrief 23 von Reinhold Nann                                                                                           Juni 2015

Liebe Freunde,

Ich habe schon lange keinen Rundbrief mehr geschrieben und auch den Blog nur noch sehr selten bedient. Im Facebook bin ich eher aktiv gewesen und dann halt auf spanisch.

In der Pfarrei geht es mir nach wie vor gut. Ich habe ja seit August letzten Jahres einen Kaplan, der allerdings ein wenig  aelter ist als ich. Morgends ist er als Religionslehrer taetig: Padre Segundo Fernández, er war schon einmal vor 10 Jahren Kaplan bei mir in der Esperanza. Auf dem Bild bin ich mit anderen Pfarrern bei seinem Geburtstagsmittagessen (er ist der 5te v.l.).


Im August kam auch Claudia Mueller als Voluntaria in die Pfarrei, sie ist vor allem in der Schule bei den Schwestern taetig und macht das sehr gut.

Letztes Jahr war ich mehrmals in Deutschland, zuletzt zum Begraebnis meines Vaters im November, das habe ich ja geschrieben.  Ich versuche, im Gebet immer wieder mit ihm zusammen zu sein.

Dieses Jahr habe ich mich ziemlich in die Kommunalpolitik eingemischt:  Im Jahr 1980 hat mein Stadtteil erst fliessendes Wasser bekommen, durch einen kanadischen Pfarrer, der kurzerhand das Geld fuer das  Kirchendach zweckentfremdete und stattdessen ein grosses Wasserreservoir fuer den ganzen Stadtteil bauen liess, inclusive Pumpstation fuers Grundwasser. Es wurde eine Kooperative gegruendet in der die Pfarrei mit einem Delegierten im Vorstand ist. Diese sollte die Wasserverteilung organisieren.  Alles lief recht gut, bis vor ca 9 Jahren das Grundwasser salzig wurde. Man hat dann doch das Wasser en bloque bei der staedtischen Wassergesellschaft kaufen muessen. Dieses Wasser wurde aber mit der Zeit immer teurer und damit auch die Diskussionen und Streitereien in der Kooperative. Ich habe kurzerhand eine Art Volksbefragung im Stadtteil organisiert. Ausserdem habe ich in allen 15 Zonen der Pfarrei Versammlungen gemacht um zu hoeren: Was ist das Problem? Welche Loesung siehst Du? 70% waren fuer die Aufloesung der Kooperative und fuer den Wechsel zur staedtischen Wassergesellschaft. Sie waren die ewigen Diskussionen und die Ineffizienz leid. (Zur Zeit kommt das Wasser nur eine halbe Stunde und das nur jeden zweiten Tag!) Ich habe dann sofort Gespraeche mit den zustaendigen Buergermeistern und der Wassergesellschaft gefuehrt, was mir den Zorn einiger Lokalpolitiker zugezogen hat. Ich hielt durch und es gab 2 Abstimmungen in der Mitgliederversammlung: Beide Male haben 90% der Mitglieder fuer den Wechsel gestimmt. Nun ist das durch. Ich war ploetzlich ueberall bekannt, auch unter den Nichtkatholiken. Wenn es auch sehr spannungsvoll war, bin ich dennoch froh, da mitgemischt zu haben. Ich bin jetzt sehr viel naeher dran an den Leuten und ihren Problemen, ich denke, das ist die Art von Kirche, die Papst Franziskus will.

In der Pfarrei konnte nun auch der neue Pfarrsaal in Betrieb genommen werden, auch dank einiger Einzelspenden. Bis letztes Jahr mussten groessere Versammlungen noch im Freien abgehalten werden, was nachts ziemlich ungemuetlich war. Die Waende sind zwar noch nicht verputzt und gestrichen, aber es tuts. Auf dem Bild sieht man den Saal mit Firmlingen und noch ohne Fenster, die hat er inzwischen.


Anfang dieses Jahres wurde ich heiss gehandelt als Bischofskandidat hier in Peru. Seit Papst Franziskus passe ich wahrscheinlich eher fuer dieses Amt, aber ich fuehle mich als Pfarrer einfach besser, weil naeher bei den Leuten. Ich habe jedenfalls deutlich meinen Unwillen zum Ausdruck gebracht und es scheint, dass dieser Kelch an mir vorueberging.

Mit dem Erzbischof von Trujillo gibt es nach wie vor Spannungen wegen der Schoenstattbewegung. Es scheint ihm vor allem um unser grosses Grundstueck zu gehen. Es ist schon traurig, wenn der Materialismus in den obersten Spitzen der Kirche regiert. Wir antworten nicht auf dieser Ebene, haben aber eine grosse Gebetskampagne zur “Erneuerung der Kirche” gestartet, ganz im Sinne von Papst Franziskus natuerlich.

Durch den fallenden Goldpreis und den anderer Bodenschaetze ist das Wirtschaftswachstum von Peru inzwischen auch deutlich zurueckgegangen, betraegt aber immer noch ca. 4%. Naechstes Jahr sind Wahlen, da ist die politische Situation auch angespannt.

Ende Juli werde ich knapp 2 Wochen zuhause sein, mein Patenkind Alexandra wird heiraten. Ich werde die Zeit deswegen hauptsaechlich mit der Familie verbringen.

Ganz herzliche Segenswuensche fuer Euch alle


                                                                                                                                             Pfr. Reinhold Nann

sábado, 22 de noviembre de 2014

Heimgang meines Vaters



Am 14.11.14 starb mein Vater im Alter von 81 Jahren an einem laengeren Krebsleiden. Er ist nun heimgegangen zum himmlischen Vater. Die Familie konnte sein Sterben begleiten und sich gut verabschieden. Am Morgen nach seinem Tod erschien ein wunderschoener Regenbogen ueber unserem Dorf. Es war fuer uns wie ein Zeichen: "Es geht mir gut. Ich bin bei Gott und bei Euch. " Ganz herzlichen Dank an alle Verwandten und Freunde fuer Euer Gebet und geistige Solidaritaet.
Ich fuege die Predigt bei der Beerdigung bei:


Die Seligpreisungen in der Bergpredigt beschreiben Menschen, die anders leben. Jesus preist sie selig, weil sie so leben wie er, weil sie mitten im Leben uns schon einen Einblick in den Himmel geben. Nicht dass sie ohne Probleme in der vollen Glueckseligkeit waeren, nein mitten im Leid leben Sie innig mit Gott verbunden. Es ist eben nicht eine Insel der Seligen, wo man abgeschottet von der boesen Welt im vollen Glueck waere, nein es zeigt vielmehr, dass diejenigen, die jetzt leiden genau dadurch sich naeher bei Gott wissen duerfen.

Ich habe mir die Muehe gemacht, diese Seligpreisungen der Bibel ein wenig auf meinen Vater hin zu praezisieren, sie etwas auf ihn hin zugeschnitten. Das sind also 5 neue Seligpreisungen, die vom “Holdi”:

1.       Selig die anderen ihre “alte Kaerre” reparieren, den sie werden im Triumph in den Himmel hineinfahren…

Wenn es ums Reparieren von einem “Bulldog” oder Auto ging, dann war mein Vati unglaublich hilfsbereit. Staendig hat er in der “Garage” irgendjemandem einen Gefallen getan. Ja er war ein Tueftler kein Theoretiker. Und sehr praktisch veranlagt. “Nit dumm, lieber recht fuel” war so ein Spruch von ihm, wenn es darum ging irgendetwas anzuwenden oder zu erfinden, damit die Arbeit leichter geht. Wer so hilfsbereit ist, hat sich einen Schatz im Himmel erworben, im Fall von Vati sind das hunderte von reparierten Autos, Traktoren und Geraeten, die ganz bestimmt im Buch des Heiligen Petrus verzeichnet sind, wenn er an die himmelstuer klopft. 

2.       Selig die Geduld haben und zuhoeren koennen, denn Sie werden ihre ewige Ruhe finden.

Das konnte Vati: zuhoeren. Ich erinnere mich an endlose Gespraeche, die ich mit ihm in den Reben hatte, beim Arbeiten. Ihm lag nicht so das lange theoretisieren, ganz praktisch, neben der Arbeit her, liefen viele Gespraeche. Er hat sich nicht gleich ein Urteil gebildet, sondern konnte wirklich zuhoeren.

Das galt natuerlich auch fuer meine Geschwister und ganz besonders fuer seine Enkel: Er hatte Zeit, war da und hat mit ihnen in seiner Garage wunderbare Sachen gemacht.

Auch als Lehrer in der Gewerbeschule, hat er seine Jungs oft vaeterlich begleitet und sie haben ihn gern gehabt, genauso wie seine Kollegen.

Und auch mit welcher Geduld er seine Krankheit bis zuletzt ausgehalten hat. Natuerlich hat er sich auch beklagt, aber er hat kein Drama daraus gemacht. Er wollte nuetzlich sein, bis zuletzt, und dass alles immer weniger wurde, war sehr schwer fuer ihn zu akzeptieren, aber er hat es mit einer grossen Ruhe hingenommen. Ich wollte ich waere nur halb so geduldig wie er.

3.       Selig die treu sind, denn sie werden die Treue Gottes erfahren.

Mein Vater war treu, ein gegebenes Wort hat er eingehalten, bei der Arbeit und in der Familie. Ich habe seine Aufrichtigkeit immer bewundert. 55 Jahre war er mit Gerda, meiner Mutti verheiratet. Natuerlich gab es manchmal Diskussionen. Aber die beiden waren sich treu und lieben sich bis heute.


4.       Selig die gerne ein Viertele trinken aber sich niemals betrinken

Das war auch so etwas besonderes an meinem Vater: er konnte Mass halten. Er hat ja viele Jahre hindurch seinen eigenen Wein angebaut und auch ein paar hundert Liter im eigenen kleinen Fass ausgebaut. Zum Abendessen und wenn Besuch kam, gabs dann gerne ein Viertele vom Eigenen. Er konnte dann sehr gespraechig und lustig werden, hat aber immer rechtzeitig aufgehoert mit Trinken. Ich habe ihn bewundert, dass ich ihn nie betrunken gesehen habe. Er war voller Lebensfreude aber konnte dabei immer Mass halten.


5.       Selig die bei Gott daheim sind, sie werden in die ewige Heimat kommen.

Mein Vati war ein im Glauben verwurzelter Mensch. Ich glaube, er hat nicht so gerne lange Gebete und grosse Worte gemacht beim Beten, da war er viel zu praktisch veranlagt. Aber er war in Gott verwurzelt, das war ganz selbstverstaendlich fuer ihn. Wenn er nicht krank war, ging er auch jeden Sonntag zur Messe, da hat er nie Ausreden gesucht, das war fuer ihn selbstverstaendlich. Und im Wohnzimmer, das spaeter zum Schlafzimmer wurde, hatten wir unser “Hausheiligtum”, ein Brauch den meine Eltern als Mitglied der Schoenstattfamilien seit den 70er Jahren pflegten: Das Hausheiligtum ist eine Gebetsecke, wo man sich alleine oder mit der Familie zum Gebet trifft. Da hat er sich geistlich mit seiner Familie und mit Gott verbunden, da hat er aufgetankt. Auf seine einfache und praktische Art, kurz aber herzlich. Hausheiligtum wurde so die Familie, Kirche im Kleinen, mit ihren inneren Konflikten aber doch immer mit Gott und der Gottesmutter verbunden.


Wenn ich die Seligpreisungen so auf mich wirken lasse, bin ich zutiefst ueberzeugt, dass mein Vater den Weg in die ewige Seligkeit, den Weg zu Gott findet. Wahrscheinlich ist er dort bereits angekommen. Es kommt ja nicht nur auf unsere guten Werke an, von denen Vati viele vorzuweisen hat. Letztendlich ist es die Liebe Gottes die unsere Armseligkeit verwandelt in die Herrlichkeit Gottes, wie es der Phillipperbrief in der Lesung ausgedrueckt hat (Phil 3,21).

Ich darf dabei auch im Namen meiner Mutter, meiner Geschwister und wahrscheinlich euch allen sagen: Wir sind ihm zutiefst dankbar. Er war uns in vielem ein Vorbild und hat uns gepraegt, je aelter ich werde, desto mehr wird mir das bewusst.

Sein Sterben war wie ein Abschied auf Raten. Erst der Schlaganfall vor 15 Jahren. Damals ist er dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen, hat von dort an den Tag, an dem er vom Koma aufwachte, als seinen 2ten Geburtstag gefeiert. Aber viele Dinge waren dann nicht mehr moeglich: er musste die Reben verpachten, das Autofahren aufgeben und mit dem Rollator unterwegs sein.

Mit dem Magenkrebs letztes Jahr kam dann nochmal eine weitere Stufe. Als dann nach der Operation Metastasen auftraten, wussten wir dass es nun langsam zuende geht. Er hat es zunaechst nicht recht glauben wollen, hat aber dennoch eine grosse innere Ruhe behalten. Vor 9 Tagen konnte ich mit ihm und meiner Mutter noch eine Messe am Wohnzimmertisch feiern, wo er auch die Krankensalbung bekommen hat. Meine Mutter, Andreas, Martina, Britta Sarah und Samuel konnten bei seinem Sterben dabeisein und haben dabei eine ganz grosse Ruhe und Naehe spueren duerfen. Nun ist er in der anderen Welt, in der wir  hoffen uns wiederzusehen. Ich bin mir sicher, der Vati bastelt bereits im himmel wieder an irgendwelchen Sachen herum. Ob sie ihn dort vielleicht gebraucht haben, um irgendetwas zu reparieren?

In den letzten Tagen hat sich unsere ganze Familie von einer Welle von geistlicher Solidaritaet getragen gefuehlt. Da kamen ganz viele Briefe und Beileidsbezeugungen. Wir haben das Gebet fuer Ihn und fuer uns von so vielen Menschen deutlich spueren duerfen. Der Regenbogen am Morgen nach seinem Sterben war dann wie ein Zeichen Gottes am Himmel mit der Botschaft: Mir geht es gut, ich bleibe mit Euch verbunden.

Achkarren, 20.11.2014          Pfr. Reinhold Nann