Karl Reinhold Nann: ein Opfer der Zwangs- Euthanasie der Nazis
Der Heimat- und Geschichts- Verein Vogtsburg
konnte bei der Umgestaltung des Denkmals der Gefallenen der Weltkriege vor dem
Neubau des Rathauses erreichen, dass auch ein Mahnmal für die zivilen Opfer des
Nationalsozialismus dort seinen Platz fand. Nachforschungen ergaben, dass
mindestens 14 behinderte Menschen aus Vogtsburg 1940 ermordet wurden. Das am
besten dokumentierte Opfer trug meinen Namen und ist Cousin meiner Schelinger
Oma gewesen. Ich selbst habe erst vor kurzem durch den Heimat- und
Geschichtsverein von diesem Fall erfahren.
1.
Der Fall Karl Reinhold Nann
Karl Reinhold wurde am 20.8.1918 in Schelingen
(heute Ortsteil von Vogtsburg) im Haus Nr.7 geboren. Sein Vater war Roman Nann,
Onkel meiner Oma Elise Nann. Seine Mutter war Katharina Gut. Bald nach der
Geburt von Karl Reinhold starb ihr Mann Roman und sie heiratete ihren zweiten
Mann, Rudolf Dieringer.
Karl war kein gesundes Kind. Er kam mit
Hasenscharte und geistiger Behinderung zur Welt, bereits mit 9 Jahren wurde er
zum ersten Mal in die St. Josefs- Anstalt in Herten vom Kreiswohlfahrtsamt
eingewiesen. Seit 1932 blieb er ununterbrochen in dieser katholischen
Einrichtung für behinderte Kinder und Schulentlassene sowie für sogenannte
nicht „bildungsfähige“ Erwachsene. Die Diagnose lautete „angeborene Idiotie mit
nachgewiesener organischer Erkrankung“.
Das Nazi Regime hatte Erbgesundheitsgerichte gegründet,
auch beim Amtsgericht Freiburg war eines angesiedelt. Dieses ordnete für Karl
Reinhold Nann bereits 1935 eine Zwangssterilisierung an. Wegen mehrerer Einsprüche
des Direktors Vomstein der Anstalt in Herten konnte dies aber erst 1937 durchgeführt
werden.
Am 20.8.1940 wurde Karl Reinhold von Herten
nach Emmendingen verlegt und von dort am 6.9. ins Vernichtungslager in
Grafeneck (Schwäbische Alb), wo er gleich beim Eintreffen in der Gaskammer
ermordet wurde. Seine Mutter Katharina Dieringer erklaerte nach dem Krieg:
„Die Anstalt in Herten hat mich von dem
Wegtransport nicht benachrichtigt, und wir wussten auch nicht, wohin mein Sohn
kam. Im September 1940 erhielt ich dann von einer Anstalt in Grafeneck die
Nachricht, dass mein Sohn Karl an Wanderrose mit Blutvergiftung gestorben sei.
Als Todestag war der 16. September 1940 um 2 Uhr angegeben. In dem Schreiben
stand noch, dass niemand hinkommen dürfe, indem die Krankheit sehr ansteckend
gewesen sei. Die Asche könne uns aber zugeschickt werden. Darauf haben wir aber
verzichtet.“
Warum wurde dieser hilflose und geistig behinderte
junge Mann umgebracht?
Die Rassenideologie der Nazis war eine Art „Sozialdarwinismus“.
Man wollte den natürlichen Selektionsprozess beschleunigen, und um die arische
Rasse nicht zu schwächen sollten unheilbar behinderte Menschen auf keinen Fall
das Erbgut der deutschen Rasse schädigen (daher Zwangssterilisation) und auch
dem Staat keine unnötigen Kosten bereiten (daher Vernichtung „lebensunwürdigen
Lebens“).
Diese Ideologie wurde mit brutaler Konsequenz
umgesetzt. Hitler selbst berief die unter dem Decknamen T4 (benannt nach ihrem
Sitz in der Theresienstraße 4 in Berlin) laufende Medizinerkommission ein, die
1939 alle Behinderteneinrichtungen in Deutschland zwang, ein Formular für jeden
ihrer Patienten auszufüllen. Die Kommission entschied dann die Ermordung von
70.000 Behinderten, die in geheime Vernichtungsanstalten verlegt und dort
vergast oder vergiftet wurden. Die Toten wurden eingeäschert und die Angehörigen
über die wahre Todesursache getäuscht. Dennoch wurde die Zwangs-Euthanasie
bekannt, auch durch die Predigten einiger mutiger katholischer Priester, wie
z.B. Clemens Kardinal von Galen aus Muenster, die jedoch dafür ihr Leben
riskierten. Ein Sturm der Empörung brach aus, die Aktion wurde anscheinend
gestoppt, aber auch in den Jahren danach kamen noch 30.000 weitere Behinderte
um.
Der Umgang mit Behinderten Menschen der Nazis
kann nur als zutiefst unmenschlich und grausam beschrieben werden. Dagegen hat
jeder Mensch seine Würde, nur wegen der Tatsache, dass er ein Mensch ist, und
wie wir Christen sagen: ein Kind Gottes und damit unser aller Bruder oder
Schwester. Die Menschenwürde gebietet jedes Leben, auch das schwache oder
andere, zu schützen und zu achten.
In dem von Hitler verursachten zweiten
Weltkrieg kamen insgesamt 60 Millionen Menschen ums Leben, Soldaten und
Zivilisten, Einheimische und Ausländer. Unter den zivilen Opfern befanden sich
vor allem Juden, Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle u.A.
Nie wieder Nazis in Deutschland und anderswo.
Vogtsburg, im Januar 2025, Reinhold Nann
Quellen:
- ÜBER MUTTER
WIRD NICHT GESPROCHEN …“Euthanasie“-Morde an Freiburger Menschen; Silvia
Böhm-Steinert: Karl Reinhold Nann: Seite 119 – 122; Mabuse Verlag 2017
- Artikel in „Planet
Wissen“ von Andrea Boehnke y Ulrich Baringhorst 2003 in: Nationalsozialistische
Rassenlehre: Euthanasie - Nationalsozialismus - Geschichte - Planet Wissen