martes, 28 de enero de 2025

Karl Reinhold Nann: ein Opfer der Zwangs- Euthanasie der Nazis

 Karl Reinhold Nann: ein Opfer der Zwangs- Euthanasie der Nazis

Der Heimat- und Geschichts- Verein Vogtsburg konnte bei der Umgestaltung des Denkmals der Gefallenen der Weltkriege vor dem Neubau des Rathauses erreichen, dass auch ein Mahnmal für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus dort seinen Platz fand. Nachforschungen ergaben, dass mindestens 14 behinderte Menschen aus Vogtsburg 1940 ermordet wurden. Das am besten dokumentierte Opfer trug meinen Namen und ist Cousin meiner Schelinger Oma gewesen. Ich selbst habe erst vor kurzem durch den Heimat- und Geschichtsverein von diesem Fall erfahren.

1.      Der Fall Karl Reinhold Nann

Karl Reinhold wurde am 20.8.1918 in Schelingen (heute Ortsteil von Vogtsburg) im Haus Nr.7 geboren. Sein Vater war Roman Nann, Onkel meiner Oma Elise Nann. Seine Mutter war Katharina Gut. Bald nach der Geburt von Karl Reinhold starb ihr Mann Roman und sie heiratete ihren zweiten Mann, Rudolf Dieringer.

Karl war kein gesundes Kind. Er kam mit Hasenscharte und geistiger Behinderung zur Welt, bereits mit 9 Jahren wurde er zum ersten Mal in die St. Josefs- Anstalt in Herten vom Kreiswohlfahrtsamt eingewiesen. Seit 1932 blieb er ununterbrochen in dieser katholischen Einrichtung für behinderte Kinder und Schulentlassene sowie für sogenannte nicht „bildungsfähige“ Erwachsene. Die Diagnose lautete „angeborene Idiotie mit nachgewiesener organischer Erkrankung“.

Das Nazi Regime hatte Erbgesundheitsgerichte gegründet, auch beim Amtsgericht Freiburg war eines angesiedelt. Dieses ordnete für Karl Reinhold Nann bereits 1935 eine Zwangssterilisierung an. Wegen mehrerer Einsprüche des Direktors Vomstein der Anstalt in Herten konnte dies aber erst 1937 durchgeführt werden.

Am 20.8.1940 wurde Karl Reinhold von Herten nach Emmendingen verlegt und von dort am 6.9. ins Vernichtungslager in Grafeneck (Schwäbische Alb), wo er gleich beim Eintreffen in der Gaskammer ermordet wurde. Seine Mutter Katharina Dieringer erklaerte nach dem Krieg:

„Die Anstalt in Herten hat mich von dem Wegtransport nicht benachrichtigt, und wir wussten auch nicht, wohin mein Sohn kam. Im September 1940 erhielt ich dann von einer Anstalt in Grafeneck die Nachricht, dass mein Sohn Karl an Wanderrose mit Blutvergiftung gestorben sei. Als Todestag war der 16. September 1940 um 2 Uhr angegeben. In dem Schreiben stand noch, dass niemand hinkommen dürfe, indem die Krankheit sehr ansteckend gewesen sei. Die Asche könne uns aber zugeschickt werden. Darauf haben wir aber verzichtet.“

Warum wurde dieser hilflose und geistig behinderte junge Mann umgebracht?

Die Rassenideologie der Nazis war eine Art „Sozialdarwinismus“. Man wollte den natürlichen Selektionsprozess beschleunigen, und um die arische Rasse nicht zu schwächen sollten unheilbar behinderte Menschen auf keinen Fall das Erbgut der deutschen Rasse schädigen (daher Zwangssterilisation) und auch dem Staat keine unnötigen Kosten bereiten (daher Vernichtung „lebensunwürdigen Lebens“).

Diese Ideologie wurde mit brutaler Konsequenz umgesetzt. Hitler selbst berief die unter dem Decknamen T4 (benannt nach ihrem Sitz in der Theresienstraße 4 in Berlin) laufende Medizinerkommission ein, die 1939 alle Behinderteneinrichtungen in Deutschland zwang, ein Formular für jeden ihrer Patienten auszufüllen. Die Kommission entschied dann die Ermordung von 70.000 Behinderten, die in geheime Vernichtungsanstalten verlegt und dort vergast oder vergiftet wurden. Die Toten wurden eingeäschert und die Angehörigen über die wahre Todesursache getäuscht. Dennoch wurde die Zwangs-Euthanasie bekannt, auch durch die Predigten einiger mutiger katholischer Priester, wie z.B. Clemens Kardinal von Galen aus Muenster, die jedoch dafür ihr Leben riskierten. Ein Sturm der Empörung brach aus, die Aktion wurde anscheinend gestoppt, aber auch in den Jahren danach kamen noch 30.000 weitere Behinderte um.

Der Umgang mit Behinderten Menschen der Nazis kann nur als zutiefst unmenschlich und grausam beschrieben werden. Dagegen hat jeder Mensch seine Würde, nur wegen der Tatsache, dass er ein Mensch ist, und wie wir Christen sagen: ein Kind Gottes und damit unser aller Bruder oder Schwester. Die Menschenwürde gebietet jedes Leben, auch das schwache oder andere, zu schützen und zu achten.

In dem von Hitler verursachten zweiten Weltkrieg kamen insgesamt 60 Millionen Menschen ums Leben, Soldaten und Zivilisten, Einheimische und Ausländer. Unter den zivilen Opfern befanden sich vor allem Juden, Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle u.A.

Nie wieder Nazis in Deutschland und anderswo.

Vogtsburg, im Januar 2025, Reinhold Nann

 

 

Quellen:

  1. ÜBER MUTTER WIRD NICHT GESPROCHEN …“Euthanasie“-Morde an Freiburger Menschen; Silvia Böhm-Steinert: Karl Reinhold Nann: Seite 119 – 122; Mabuse Verlag 2017
  2. Artikel in „Planet Wissen“ von Andrea Boehnke y Ulrich Baringhorst 2003 in: Nationalsozialistische Rassenlehre: Euthanasie - Nationalsozialismus - Geschichte - Planet Wissen